Bad news

Bad news

Sylvester in Köln: In einer Menschenmenge auf dem Bahnhofsvorplatz in Köln kommt es zu Übergriffen auf Frauen. In den Nachrichten ist von Männern „mit nordafrikanischem Aussehen“ die Rede, schnell kommt die Vermutung, dass es sich um Asylwerber handeln könnte. Tagelang erscheinen spekulative Meldungen, in sozialen Medien wird heftig debattiert, die Stimmung gegen Flüchtlinge aufgeheizt. Wenige Tage später veröffentlicht die Kölner Polizei die Fakten: 821 Anzeigen gab es im Zusammenhang mit Straftaten in der Silvesternacht, 30 Verdächtige wurden ermittelt, davon stammten 25 aus Marokko oder Algerien. Bei 15 der Verdächtigen handelte es sich um Asylbewerber.

Only bad news

Willkommen im Medien-Wahnsinn! „Only bad news is good news“ lautet ein Motto im Journalismus. Es beschreibt das Prinzip, dass Stories sich nur dann gut verkaufen, wenn sie auf einem Konflikt oder einer dramatischen Situation beruhen. Um bei den Asylwerbern zu bleiben: Seit zehntausende Flüchtlinge Österreich im vergangenen Jahren erreichten, reißen Negativmeldungen nicht ab. IS-Kämpfer würden in den Flüchtlingsströmen eingeschleust, hieß es nach den Anschlägen von Paris. Die Kriminalität steige, ist der Grundtenor vieler Medien.
Ulf Küch, Chef beim Bund deutscher Kriminalbeamter in Niedersachsen, kommt in seinem Buch „Soko Asyl“ zu dem Schluss: „Der Anteil von Kriminellen, die mit den Flüchtlingen nach Deutschland eingereist sind, ist prozentual nicht höher als der Anteil von Kriminellen in der deutschen Bevölkerung.“ Doch allzu viele Medien interessieren sich nicht für Fakten, sondern konzentrieren sich lieber auf „bad news“. Die Auswirkungen auf Medienkonsumenten sind haarsträubend.

„Wir bekamen Anfragen, über Einbrüche in Ostösterreich zu berichten, weil die Kriminalität dort explodiere. Wir haben uns die Statistik angesehen und festgestellt: Das stimmt nicht.“

„Wir bekamen Anfragen, über Einbrüche in Ostösterreich zu berichten, weil die Kriminalität dort explodiere“, erzählt Heidi Lackner, verantwortlich für die ORF-Sendung „Am Schauplatz“. „Wir haben uns die Statistik angesehen und festgestellt: Das stimmt nicht.“ Tatsächlich ist die Kriminalität in Wien in den letzten Jahren gesunken: Im ersten Halbjahr 2015 gab es um 22 Prozent weniger Einbrüche und um bis zu 81 Prozent (je nach Deliktart) weniger Verbrechen als im Vorjahr. Lackner kam zu dem Schluss: „Nicht die Kriminalität ist gestiegen, sondern das subjektive Bedrohungsgefühl. Weil die Leute Boulevardzeitungen lesen, die in der U-Bahn gratis aufliegen und wo es nur um Einbruch, Mord und Totschlag geht.“

Wahrnehmung

„Wir nehmen nicht wahr, wie die Welt sich zum Besseren verändert“
Der schwedische Uni-Professor Hans Rosling entwickelte in den 90er Jahren den sogenannten Ignoranz-Test, in dem es um Fragen zu grundlegenden globalen Fakten wie Armut, Lebenserwartung oder Einkommensverteilung geht. Der Test wurde bereits in einigen Ländern durchgeführt und das Ergebnis ist meist ähnlich: Die Lage auf dem Planeten wird zu pessimistisch eingeschätzt. So liegt die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit bei 70 Jahren, mehr als die Hälfte der Befragten tippte jedoch auf 60 Jahre. Die globale Alphabetisierungsrate beträgt heute 80 Prozent – das konnte sich allerdings nur ein Drittel der Befragten vorstellen. Nur sieben Prozent der Amerikaner und 23 Prozent der Schweden wussten, dass sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung seit 1990 halbiert und nicht etwa verdoppelt hat, wie rund die Hälfte glaubten. Tatsache ist auch: Die Armut sinkt in praktisch allen Ländern, ebenso wie das Bevölkerungswachstum und die Kindersterblichkeit. Lebenserwartung und Alphabetisierungsrate dagegen steigen. „Die allermeisten Menschen im Westen jedoch nehmen nicht wahr, wie schnell und tiefgreifend sich der Rest der Welt verändert“, sagt Rosling, und zwar „sehr oft zum Besseren“. Den grassierenden Pessimismus im Westen hält Rosling in einem Spiegel-Interview für „Denkfaulheit, die, weil ja eh alles zum Teufel geht, davon entbindet, etwas zu unternehmen.“

Bad news: Faktor Boulevard-Zeitungen

Die freie Journalistin Renate Haiden arbeitete kurze Zeit bei der Tageszeitung Österreich und berichtet: „Das wichtigste waren die Headlines, die Chefredakteur Wolfgang Fellner höchstpersönlich überprüfte. Sie mussten leicht und schnell zu lesen sein, der Inhalt des Artikels war egal.“ Haiden quittierte nach kurzer Zeit den Job, da sie die Zusammenarbeit als „nicht wertschätzend“ empfand. „Im Newsroom saßen vor allem sehr junge, ungelernte Mitarbeiter. Ich wurde trotz meiner Berufserfahrung wie ein Lehrling behandelt.“
Vielleicht liegt es auch an solchen Umständen, dass Journalisten in der Öffentlichkeit keinen guten Ruf genießen: Bei Umfragen zur Vertrauenswürdigkeit von Berufsgruppen landen Medienleute regelmäßig auf den hinteren Plätzen.

„Das wichtigste waren die Headlines, der Inhalt des Artikels war egal.“
Renate Haiden, Ex-Redakteurin der Tageszeitung Österreich

Nachrichten zeichnen ein falsches Bild

Eine 2015 von RTL in Auftrag gegebene Forsa-Umfrage in Deutschland ergab, dass fast die Hälfte der Befragten die täglichen Nachrichten zu negativ findet: 45 Prozent der Befragten gaben an, TV-Nachrichten seien „zu problembeladen“, 35 Prozent bekannten, ihnen machten TV-Nachrichten Angst, 80 Prozent wünschten sich Lösungsansätze. Manipulierte und negative Nachrichten können bei Lesern und Zusehern schnell zu Hoffnungslosigkeit führen, zu dem Gefühl, nichts an der – scheinbar trostlosen – Lage der Welt ändern zu können (siehe Interview). Für eine Studie des amerikanischen Radiosenders NPR in Zusammenarbeit mit der Robert Wood Johnson Stiftung und der Harvard School of Public Health wurden 2.500 Amerikaner befragt. Ein Viertel der Teilnehmer gab an, im letzten Monat gestresst gewesen zu sein, als größte Ursache dafür nannten sie den Konsum von Nachrichten.

Doch die Wahrheit sieht anders aus als von vielen Medien dargestellt: Der Kanadier Steven Pinker, Evolutionspsychologe an der Universität Harvard, fand heraus, dass Gewalt im Laufe der Geschichte immer weiter zurückgegangen ist. „Und zwar alle möglichen Formen der Gewalt: Kriege, Morde, Folter, Vergewaltigungen, häusliche Gewalt“, so Pinker, der auch darauf hinweist, dass die Nachrichten ein falsches Bild zeigen würden. „Wenn Sie die Fernsehnachrichten einschalten, erfahren Sie immer nur von Dingen, die passiert sind. Sie werden keinen Reporter sagen hören: ‚Ich berichte live aus einer Großstadt, in der kein Bürgerkrieg herrscht. Solange die Gewaltrate nicht auf null gesunken ist, wird es immer genügend Grausamkeiten geben, um die Abendnachrichten zu füllen.“
Auch der schwedische Uni-Professor Hans Rosling zeigt mit seinem Ignoranz-Test auf, wie Negativschlagzeilen die Wahrnehmung der Welt verzerren (siehe Infobox).

„Was es braucht, sind Lichtblicke, Alternativen und neue Leitfiguren.“

Lösungsorientiert und konstruktiv vs. Bad news

Bereits Anfang der 1970er Jahre war Zukunftsforscher Robert Jungk der Meinung: Journalisten sollten immer über beide Seiten der Medaille berichten. Sie sollen Missstände enthüllen, aber auch Lösungsmöglichkeiten vorstellen. Darauf basiert auch der lösungsorientierte oder konstruktive Journalismus, den Ulrik Haagerup, Infochef des Dänischen Rundfunks, mit geprägt hat. Haagerup sucht bei seinen Nachrichtensendungen gezielt nach konstruktiven Ansätzen, die den Menschen Hoffnung geben. Sein Ziel ist es, die gesamte Wirklichkeit abzubilden, und nicht nur die schlechten Nachrichten des Tages aufzuzählen. „Guter Journalismus bedeutet, die Welt mit beiden Augen zu sehen“, so Haagerup. Das Konzept geht auf, die Einschaltquoten sind gestiegen.
„Wenn Medien permanent und ausschließlich auf die Probleme dieser Welt und auf die Suche nach den Schuldigen fokussieren, besteht unsere Wahrnehmung der Welt auch nur aus Problemen, Schuldigen und Feindbildern“, ist Doris Rasshofer, Ex-Chefredakteurin des lösungsorientierten Magazins „Bestseller“, überzeugt. „Was es braucht, sind Lichtblicke, Alternativen und neue Leitfiguren, die sich auf die Lösung von Herausforderungen fokussieren“, schließt die Journalistin. „Und es braucht Medien, die darüber berichten.“

 

Interview mit Univ.-Prof. Dr. Jörg Matthes ist Vorstand des Instituts für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien

Wie wirken sich Negativschlagzeilen auf die Gesellschaft aus?
Jörg Matthes: Menschen, die oft negative Nachrichten konsumieren, schätzen die allgemeine Lage bezüglich Kriminalität oder Terror als gravierender und schwerwiegender ein als andere. Die tatsächliche Gefahrenlage wird überschätzt.

Warum konzentrieren sich so viele Medien auf negative Nachrichten?
Matthes: Meldungen über Probleme sind berichtenswerter und werden mehr konsumiert als positive Nachrichten. Wir wurden im Laufe der Evolution gewissermaßen darauf programmiert, negative Informationen stärker wahrzunehmen und zu gewichten als positive, weil das unser Überleben sicherte.

Umfragen besagen aber, dass viele Menschen sich weniger negative Nachrichten wünschen.
Matthes: Trotzdem würden diese Menschen, wenn man ihnen gleich viele negative wie positive Nachrichten vorsetzt, sich eher auf die negativen konzentrieren. Hier geht es ja auch um Angebot und Nachfrage – es ist kein Zufall, dass die Kronen Zeitung die meistgelesene Zeitung Österreichs ist. Man kann also nicht alleine den Medien die Schuld an negativen Nachrichten geben.

Was halten Sie von lösungsorientiertem Journalismus?
Matthes: Natürlich macht es Sinn, einen konstruktiven Ansatz bei Nachrichten zu suchen und die Medienkonsumenten nicht alleine mit den Problemen unserer Zeit stehen zu lassen. Ein lösungsorientierter Journalismus ist jedoch aufwändig und braucht Ressourcen. Bevölkerung und Politik müssen sich daher darüber im Klaren sein, dass dies nicht kostenlos geht. Guter Journalismus hat seinen Preis.

Foto/Video: Shutterstock

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