Die Zukunft der Arbeit

Zukunft Arbeit

Nichts wird mehr so sein wie es war. Das war schon immer so. Doch so schnell wie heute – so hat es den Anschein – hat sich die Welt noch nie gedreht. Das lässt sich an vielen Beispielen festmachen. Blicken wir in die Entwicklung neuer Technologien. Computer, die virtuelle Büros und völlig standortunabhängige Arbeit ermöglichen. Weltweit vernetzt, in einer schwindelerregenden Geschwindigkeit. Autos, die nicht nur das Ziel kennen, sondern auch gleich selbst hinfahren. Lassen wir den Blick weiter schweifen in Richtung gesellschaftlicher Veränderungen, Stichwort Migration und Flüchtlingskrise. Herausforderungen, die der Großteil der heute lebenden Menschen nicht mehr kennt. Allen ist eines gemein: Sie werden massive Auswirkungen auf die Arbeitswelt haben. Auswirkungen, die nicht in ferner Zukunft liegen, sondern bereits jetzt spürbar sind.

Prognose Zukunft Arbeit

Hälfte aller Arbeitsplätze gefährdet?
Das Wiener Beratungsunternehmen Kovar und Partner hat zu diesem Thema vor Kurzem die viel beachtete Arena Analyse 2016 veröffentlicht. Sie befasst sich intensiv mit der Arbeitswelt von morgen, insgesamt wurden Interviews und umfassende schriftliche Beiträge von 58 ExpertInnen und EntscheidungsträgerInnen ausgewertet. Von Menschen, die aus ihrer beruflichen Tätigkeit heraus Veränderungen erkennen, die der Rest noch nicht sieht. Der Prognosezeitraum, von dem wir hier sprechen: fünf bis zehn Jahre.
„Wir stehen vor einem Quantensprung. Die Möglichkeiten von Big Data, virtuellen Büros und mobilen Möglichkeiten der Produktion werden die Arbeitswelt völlig auf den Kopf stellen. Es werden zwar nur wenige Berufe völlig wegrationalisiert, fast alle aber werden sich verändern“, analysiert Walter Osztovics, Studienautor der Arena Analyse und Geschäftsführer von Kovar & Partner. Big Data, also die Möglichkeit, große und komplexe Datenmengen zu sammeln und auszuwerten, 3D-Drucker und die zunehmende Automatisierung von Arbeitsprozessen mithilfe von Robotern bilden laut der Studie die Grundpfeiler für die rasanten Veränderungen. In der Zukunftsforschung geht man noch einen Schritt weiter, spricht von 30 bis 40 Prozent der Arbeitskräfte, die von der Digitalisierung stark betroffen sein werden.
Eine mittlerweile berühmte Studie von Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne an der Universität von Oxford aus dem Jahr 2013 hält die dramatischste Prognose bereit: 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA sollen demnach gefährdet sein. Franz Kühmayer vom Zukunftsinstitut relativiert diese Zahl zwar, schätzt aber: „Selbst, wenn sich die Studie um die Hälfte irren würde, hätte das immer noch unglaublich große Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Am Gefährdetsten sind diejenigen mit routineartigen Berufen. Wer heute ungefähr das gleiche macht wie noch vor einem Jahr, ist massiv gefährdet.“

Erfolgsrezept Qualifikation und Flexibilität

Die BBC hat auf ihrer Homepage einen Test veröffentlicht mit dem klingenden Namen „Will a robot take your job“? Wer es also genau wissen möchte, erfährt dort Näheres. Ganz allgemein sprechen die Experten von einem Paradoxon, auf das sich Erwerbstätige künftig einstellen werden müssen: „Qualifikation wird immer wichtiger, einerseits. Schon jetzt gibt es für ungelernte Hilfsarbeiter kaum noch Jobs – das wird sich weiter zuspitzen. Andererseits wird aber auch die Flexibilität in allen Berufen immer wichtiger“, weiß Walter Osztovics vom Wiener Beratungsunternehmen Kovar & Partner. Sprich: Die Fähigkeit, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen, Weiterbildungen zu absolvieren oder sich völlig neuen Jobs und Aufgabenbereichen zu widmen. Osztovics nennt Beispiele: „U-Bahnen fahren in Städten wie Kopenhagen schon jetzt führerlos. Dafür braucht es jetzt geschulteres Personal im Überwachungszentrum. Oder Autos: Auch in Zukunft brauchen sie jemanden, der sie repariert. Doch was früher der Mechaniker war, ist heute der Mechatroniker und wird in Zukunft ein Software-Ingenieur sein. Die Gewinner sind die, die damit umgehen können, öfter einmal etwas Neues zu lernen.“

Zukunft Arbeit: Mehr Freiberufler, weniger fixe Jobs

Die zweite große Veränderung ist die Entstehung von virtuellen Arbeitswelten. Die technischen Möglichkeiten werden Kommunikation und Zusammenarbeit immer weiter ins Internet verlagern. Viele Produktionsabläufe werden nicht länger ortsgebunden sein, 3D-Drucker fertigen künftig nach individuellen Bedürfnissen und lösen große Produktionshallen ab und Projektteams werden über die ganze Welt verstreut zusammenarbeiten. „Für gut vernetzte Menschen multiplizieren sich dadurch die Möglichkeiten“, so Studienautor Osztovics, „Es wird aber auch ein weltweiter Wettbewerb entstehen. Auf einem globalen Arbeitsmarkt müssen Unternehmen mit Honorarsätzen aus Osteuropa konkurrieren. Plus: Es entsteht eine erzwungene Freiberuflichkeit. Angestellte Produktdesigner werden durch Spezialisten für den jeweiligen Bereich ersetzt, die ihre geistige Leistung quer über den Globus zuliefern. Der ist aber weder angestellt noch abgesichert, hat geschweige denn eine Umsatzgarantie. Und wer gerne einen fixen Job als Produktdesigner möchte, findet keinen mehr.“ Der englische Terminus für diese Entwicklung heißt „gig economy“. Musiker spielen Gigs, quasi kurzzeitige Engagements. Die prekäre Unsicherheit des Künstlerlebens wird zum Normalfall für viele Erwerbstätige. Und: Die Erwerbsarbeit wird weniger werden.
Was aber bedeuten diese Prognosen nun in der Praxis? Stehen wir vor einem Kollaps der Arbeitswelt? Die Antwort hängt einzig und allein von der Frage ab, wie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft damit umgehen. Ob sie die Chancen erkennen und die richtigen Schlüsse ziehen. Und das vor allem rechtzeitig. Kühmayer zitiert hier John F. Kennedy: „Die beste Zeit, das Dach zu reparieren, ist, wenn die Sonne scheint und nicht, wenn es regnet.“ Wir spüren bereits die ersten Regentropfen, fügt er hinzu.

„Eine neue Umverteilungsdebatte muss geführt werden.
Die sogenannte Vollbeschäftigung wird immer mehr zur Illusion,
dem müssen wir uns stellen.“

Zukunft Arbeit: Im Sozialsystem liegt der Schlüssel

Doch wir wollen hier nicht schwarz malen und stellen lieber die Frage: Wie können wir uns diesem Wandel der Arbeitswelt auf konstruktive Art und Weise annähern? Nun, nicht alle Jobs, die künftig Roboter übernehmen, werden durch Neue ersetzt werden können. Müssen sie auch gar nicht. Denn viele Roboter verdienen künftig das Geld, das früher Menschen verdient haben. Das bedeutet, dass das Bruttosozialprodukt durch höhere Produktivität weiter steigen wird, Menschen lediglich weniger dazu beitragen müssen. Das ist eine große Chance, wenn wir es schaffen, unser Sozialsystem entsprechend umzubauen. Das hängt nämlich nach wie vor sehr stark an der Erwerbsarbeit und hinkt damit dem Trend mittlerweile massiv hinterher.
„Eine neue Umverteilungsdebatte muss geführt werden“, gibt Franz Kühmayer vom Zukunftsinstitut zu bedenken. „Wir müssen uns die Frage stellen, wie ein lohnenswertes Bild unserer Gesellschaft in 15 Jahren aussieht. Die sogenannte Vollbeschäftigung wird immer mehr zur Illusion, dem müssen wir uns stellen. Das bedeutet auch, dass wir Arbeit und Erwerb in der Diskussion voneinander trennen müssen.“ Zur Erklärung: eine für die Gesellschaft wertvolle Arbeit – zum Beispiel die Pflege von alten Menschen oder die Kindererziehung – wird nicht entsprechend seinem gesellschaftlichen Wert entlohnt. Viel Wert durch viel Arbeit für wenig Geld, also. Um das zu ändern, kennen die Zukunftsforscher verschiedene Ansätze.

Roboter bezahlen Menschen

Stichwort Nummer eins: die Maschinensteuer. Je automatisierter die Prozesse eines Unternehmens, desto mehr Steuern muss es zahlen. Damit soll gewährleistet werden, dass auch die Gesellschaft und nicht nur die Unternehmen von der höheren Produktivität der Roboter profitiert. Das Gegenargument der Wirtschaft lautet, wie so oft: Der Wirtschaftsstandort Österreich würde dadurch geschädigt, Unternehmen könnten abwandern. „Dem ist entgegenzuhalten, dass diese Gesamtentwicklung ja nicht Österreich alleine betrifft, sondern es sich um ein weltweites Phänomen handelt. Andere Länder – vor allem die hoch entwickelten – müssen also mit“, schätzt Kühmayer die Entwicklung ein. Dem sei noch hinzugefügt, dass Länder wie Österreich mit hoher Steuerquote und einem guten Sozialsystem von der Entwicklung am Stärksten betroffen sein werden.

Zukunft Arbeit: Weniger Arbeit, mehr Sinn

Der so erzielte Überschuss im Sozialsystem führt uns zu Stichwort Nummer zwei: das unter Zukunftsforschern viel diskutierte „bedingungslose Grundeinkommen“. Es geht also um ein Einkommen für jeden, ob erwerbstätig oder nicht. Eines, das höher ist als die bereits bestehende Mindestsicherung. Eines, von dem man wirklich leben kann. Eine schöne Vorstellung, nur: Wie praktikabel ist sie? Warum sollten Menschen dann überhaupt noch einer Arbeit nachgehen? Franz Kühmayer ist kein Freund des Begriffes „bedingungslos“, weil er ein veraltetes Bild von Arbeit voraussetze: „Die meisten Menschen würden Studien zufolge weiterarbeiten, wenn sie im Lotto gewinnen würden. Weil Arbeit heutzutage viel mehr ist als nur eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Sondern – vor allem bei jüngeren Generationen – viel auch mit Selbstverwirklichung zu tun hat. Alle Untersuchungen der vergangenen Jahre zeigen uns, dass es immer mehr um diese Werte geht.“ So könnte man dann auch die Höhe des Grundeinkommens sehr wohl an Bedingungen knüpfen, die einen Wert für die Gesellschaft haben. Pflegeberufe, die Mitarbeit in Hilfsorganisationen oder allgemein höher qualifizierte Tätigkeiten könnten besser bezahlt werden – zumal diese Jobs auch in Zukunft eher nicht von Robotern erledigt werden. „Wer seine Selbstverwirklichung hingegen tatsächlich im Töpfern am Balkon findet, der bekommt dann eben weniger“, empfiehlt Kühmayer.

„Wenn wir in Zukunft für gleich viele Leute
mehr Geld zur Verfügung haben,
warum sollte es dann Armut geben?“

Förderung gegen Rationalisierung

Dem schließt sich auch Walter Osztovics an: „Wenn wir in Zukunft für gleich viele Leute mehr Geld zur Verfügung haben, warum sollte es dann Armut geben? Geld ohne Erwerbsarbeit ist eine Denkrichtung mit viel Potential. Wenn wir es schaffen, Arbeitsmärkte, die sich nicht per se über die Marktnachfrage finanzieren lassen, eben von der Gesellschaft zu subventionieren.“ Eine andere Möglichkeit sieht Osztovics darin, Unternehmen zu fördern, die produktivitätsfördernde Rationalisierungen von Arbeitsplätzen nicht durchführen. Das Argument, Unternehmen sollten im Sinne der gesamten Wertschöpfung eines Landes effizient geführt werden, weiß er zu entkräften: „Wenn man davon ausgeht, dass wir durch die Digitalisierung in eine Welt geraten könnten, wo die Arbeitslosigkeit permanent 20 Prozent beträgt, dann wäre ein solcher Schritt schon sinnvoll.“

„Warum schaffen wir nicht eine Arbeitswelt,
in der 25-30 Stunden pro Woche der Normalfall ist? Dann hätten wir
genug Jobs für alle.“

Zukunft Arbeit: Weniger arbeiten, mehr Jobs

Plausibel klingt auch der Vorschlag der Arbeitszeitverkürzung, also die Umverteilung des Arbeitsvolumens. Walter Osztovics: „Warum schaffen wir nicht eine Arbeitswelt, in der 25-30 Stunden pro Woche der Normalfall ist? Dann hätten wir genug Jobs für alle.“ Damit setzt er sich – wie er selbst sagt – dem Vorwurf der „Milchmädchenrechnung“ aus, weil das Problem der Arbeitslosigkeit kein quantitatives ist, sondern eine Frage der Qualifikation. Das stimmt zu einem gewissen Teil. Auch in Österreich herrscht Fachkräftemangel. Dennoch: „Wir müssen davon ausgehen, dass die Wertschöpfung durch die Digitalisierung in Zukunft insgesamt mit weniger Leuten erzielt wird. Wenn dann jeder weniger arbeiten muss, umso besser.“

Je verrückter, desto Zukunft

Franz Kühmayer vom Zukunftsinstitut hat auch ein Konzept entwickelt, mit dem er die Chefetagen der Unternehmen in die Pflicht nimmt. Denn sie werden in der Frage, wie Österreich, seine Gesellschaft und seine Wirtschaft mit den Chancen und Risiken der neuen Arbeitswelt umgeht, eine ganz entscheidende Rolle spielen. Unter dem Stichwort „Crazy Responsibility“ fasst Kühmayer seinen Appell an Unternehmer zusammen, gerade in unsicheren Zeiten „out of the box“ zu denken und auch unkonventionelle Lösungen anzustreben. Doch das Gegenteil sei derzeit oft der Fall – Unsicherheiten würden zu Sicherheitsmaßnahmen führen, nicht zu Innovation.
„Genau diese unsicheren Zeiten, in denen sich Vieles verändert, können für Unternehmen eine unglaubliche Chance sein – sofern sie ihnen mutig und mit neuen Ideen begegnen. Daher ist es gerade jetzt sehr verantwortungsvoll, Verrücktes auszuprobieren.“ Kühmayer illustriert das am Beispiel der Autobranche: „Die Mutigen der Branche haben auf eine neue Art des Individualverkehrs gesetzt und damit begonnen, Carsharing-Modelle anzubieten – also den Nutzen vor den Besitz zu stellen. Wer jetzt völlig neue Wege beschreitet, riskiert zwar eine Fehlentscheidung. Aber die Chance, einen Volltreffer zu landen, ist noch viel größer.“

Zukunft Arbeit: Klimaschutz als Chance

Der Schutz von Klima und Umwelt wird nach Ansicht der Zukunftsforscher auch immer mehr zum Schutz der Arbeitswelt beitragen. Sogenannte „green jobs“, beispielsweise in den Bereichen Photovoltaik, Wärmerückgewinnung oder Energiespeicherung, stünden äußerst hoch im Kurs.
So sei die Ökologisierung der Wirtschaft wahrscheinlich die größte Chance auf neue Arbeitsplätze, erklärt Walter Osztovics. „Eine Wirtschaft, die umweltschonend und mit ausgeglichener Ressourcenbilanz arbeitet, müsste zwangsläufig auch stärker regional verankert sein, da der globale Handel zwangsläufig ein starker CO2-Erzeuger ist. Das schafft Arbeitsplätze.“ Osztovics betont aber, dass diese Umgestaltung der Wirtschaft nicht in erster Linie vom Markt getrieben sein wird: „Hier ist die Politik gefordert.“
Am Ende wird es ein Zusammenspiel sein aus unternehmerischen Innovationen, einem modernisierten Sozialsystem, einem neuen Arbeits- und Erwerbsverständnis der Gesellschaft sowie Qualifikations- und Veränderungsbereitschaft jedes Einzelnen. Einen adäquaten Rahmen für all diese Veränderungen zu schaffen, ein System, in dem dieses komplexe Zusammenspiel reibungslos funktioniert, ist Aufgabe der Politik. Keine leichte, zweifellos. Aber eine äußerst vielversprechende.

Foto/Video: Shutterstock

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