Foodcoops: Zwischen Milch und Eiern etwas tratschen

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Auf einer saftigen Wiese blühen gelbe Krokusse, orange Gerbera und rosa Kosmeen. Zwei Schmetterlinge flattern in den Schäfchenwolken-Himmel. Die bunte Wiese ist im Kühlregal eines Supermarkts zu betrachten. Sie duftet nicht nach Blumen. Sie ist geruchlos und ziert einen Plastikbecher, auf dem Sauerrahm geschrieben steht. „Im Supermarkt müssen Sie glauben, was Sie kaufen. Hier sehen Sie es!”, sagt Mark-Rene Uchida und zeigt auf den Haschahof am südlichen Stadtrand von Wien, auf dem er als „rechte Hand“ des Biobauern Rudolf Hascha arbeitet.

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Der Hof mit Schafen, Hühnern, Getreide- und Gemüseanbau möchte Menschen „an den Ursprung der Nahrungsmittel“ führen. Woher kommen die Lebensmittel, die ich täglich esse und trinke? Unter welchen Bedingungen werden sie hergestellt? Wer profitiert? Klare Antworten auf diese Fragen geben sich Mitglieder von Lebensmittelkooperativen, den sogenannten Foodcoop, von denen es 18 in Österreich und elf in Wien gibt. Gemeinsam kaufen sie Lebensmittel direkt von lokalen Biobauern wie dem Haschahof.

Foodcoop: Alle sind mit verantwortlich

Eine etablierte Foodcoop war das Bioparadeis im 18. Bezirk, das über 70 Mitglieder zählt. „Ab einer gewissen Größe wird es schwierig. Es ist wichtig, dass es übersichtlich bleibt. Sonst gibt es zu viele Zuständigkeiten“, sagt Bianca Hopfner, die neue Foodcoop-Mitglieder betreut und derzeit einen Aufnahmestopp kommunizieren muss.

Es gibt verschiedene Arbeitskreise, in denen jedes Mitglied rotierend Dienste erledigen soll. Der Einkauf verschickt die Onlinesammelbestellungen, der Ladendienst kontrolliert die Lieferungen und hilft bei der Abholung der bestellten Produkte, die Speisereise organisiert Besuche bei Bioproduzenten, der Arbeitskreis Finanzen verwaltet das Foodcoop-Konto.

„Arbeitskreis-Besprechungen belaufen sich auf rund sieben bis acht Stunden im Monat“, sagt Michael Bednar, der in der Foodcoop Einkorn im 16. Bezirk Mitglied ist. Einmal im Monat findet ein Plenum statt, in dem die Mitglieder über Neuigkeiten und Organisatorisches sprechen wie einen Logowettbewerb für das Naschkastl 2.0. Mehrmals wöchentlich kommuniziert die Gemeinschaft über ein Onlineforum und über einen E-Mail-Verteiler.

Jedes Mitglied zahlt einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von in etwa zehn Euro, um die Lagermiete und laufende Kosten zu decken. Zusätzlich bucht jedes Mitglied ein für sich beliebig hohes Einkaufsguthaben auf das gemeinschaftliche Foodcoop-Konto. Die Preise sind vergleichbar mit denen in Biosupermärkten, nur dass das Geld an den Erzeuger gehe. „Gemüse ist teurer. Milchprodukte kosten in etwa so viel wie im Supermarkt“, sagt Bianca Hopfner.

Onlinebestellung für eine Woche

Verderbliche Produkte wie Milch, Obst und Gemüse werden online mittels Tabellen über die Bestellsoftware Foodsoft für die kommende Woche vorbestellt und die Order vom Zuständigen für den Einkauf nach einer Deadline gesammelt versendet. Getreide, Bohnen, Linsen, Wein, Säfte, Tees, Kräuter sind auf Vorrat im Lager verfügbar und können ohne Bestellung gekauft werden. Große Mengen von Zitrusfrüchten werden hin und wieder von Biobauern aus dem Ausland bezogen. „Es ist wie Weihnachten, wenn es Zitrusfrüchte gibt“, freut sich eine Einkörnerin. Produktvorschläge können von Mitgliedern eingebracht werden. Immer wieder werden Probebestellungen getätigt.

Foodcoop: Frisch geliefert & gemeinsam geholt

Produzenten wie das Krautwerk bringen die bestellten Produkte direkt zur Foodcoop. Zu Betrieben, die nicht liefern, fahren Fahrgemeinschaften. Die Ber­Sta, ein Zwischenhändler für biologische Produkte, arbeitet mit vielen Foodcoops zusammen und liefert Milchprodukte und Brot.

Ein Abend in der Woche ist Abholtag für alle Mitglieder. Der zuständige Ladendienst gleicht die Bestellungen und Lieferungen miteinander ab. „Manchmal fehlt etwas oder ist verdorben, das wird dann vermerkt“, sagt Michael vom Einkorn.

Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Käse wird abgewogen, Eier werden abgezählt und die Lebensmittel für eine Woche in Trampingrucksäcke gepackt. Die Verpackungsmaterialen werden selbst mitgebracht. Leere, gebrauchte Eierschachteln aus dem Supermarkt stehen auf Regalen zur Verfügung. Die Abholung der Lebensmittel erfolgt bargeldlos. Jedes Mitglied hat vorab Guthaben überwiesen. Im Lager liegt eine Mappe mit ausgedruckten Kontoblättern für jeden, wo er händisch den Gesamtpreis seiner abgeholten Lebensmittel und das Restguthaben einträgt.

Mentalität verbindet

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„Es gibt eine Foodcoop, da bekommt jeder vom Ladendienst eine Kiste mit seiner Bestellung hergerichtet“, berichtet Ada Sedlak aus der Foodcoop Naschkastl 2.0 beim Plenum. Die Mehrheit findet, dass dann das Soziale untergehe. „Stimmt“, meint Ada, so könne man „zwischen Milch und Eiern noch ein bisschen tratschen“. Die Biobäuerin Claudia vom Krautwerk sieht in Foodcoops „großes Potenzial“. Sie beobachte, dass immer mehr junge Eltern bewusst einkaufen. Für Berufstätige mit Kindern und Haushalt sieht sie die regelmäßigen Dienste, die jedes Foodcoop-Mitglied tätigen muss, zeitlich gesehen, als ungeeignet. Sie könne sich vorstellen, dass eigens ausgewählte Personen für Dienste bezahlt werden. „Es sind im Endeffekt nicht Alter oder Beruf, die uns verbinden, sondern die Mentalität“, sagt Niko aus dem Bioparadeis.

„Die Mitgliedergrenze ist relativ konstant. Die Leute, die dabei sind, wissen, dass sie so schnell nicht wieder hineinkommen“, sagt Michael Bednar. Bianca Hopfner ist enttäuscht, dass sie Interessierte ablehnen muss. Sie gibt gerne Links zu anderen Foodcoops weiter, die man anschreiben kann. Beim Naschkastl 2.0 im 20. Bezirk sind beispielsweise noch Plätze frei. „Es ist nicht Aufgabe einer Foodcoop, Foodcoops zu erweitern“, meint man bei Einkorn. „Das Schwierigste ist die Raumsuche. Die nimmt einem niemand ab“, sind sich Bianca und Michael einig. Man könne gerne Tipps zu Struktur und Inputs für eine Neugründung geben. Eine neue Foodcoop müsse allerdings keine Kopie sein.

Nicht 100 % der Ernährung

„Ich habe mich im Supermarkt entmündigt gefühlt“, sagt Michael. Er möchte selbst bestimmen, was, von wem und in welchen Mengen er kaufe. Offene Kühlregale in beheizten Supermarkträumen seien außerdem energieineffizient. „Wenn ich mich dazu zwinge, meine Prinzipien 100-prozentig einzuhalten, macht das Leben keinen Spaß“, sagt Michael. Er findet es gut, wenn man 80 Prozent seiner Ernährung über die Kooperative tätigt. Sauerrahm kaufe er im Supermarkt.

Foodcoop: Fazit der Autorin

Pro: Transparenz, Kontakte zu Bioproduzenten, bewusste Ernährung und Lebensstil, Geld geht direkt an Produzenten, Gemeinschaftsgefühl mit Gleichgesinnten, Beitrag an der Gesellschaft/Umwelt, Selbstverantwortung, Kontrolle über Konsum.

Kontra: Wocheneinkauf ohne Spontaneität, Dienste zeitaufwendig, manchmal Fehler in der Bestellung, man trägt Fehler anderer mit, ständig E-Mails, höhere Kosten, keine Anonymität, auch Zwischenhändler, langsame Entscheidungsfindung.

Von Foodcoops empfohlen:
Regionale Bioproduzenten

Haschahof
Hier kann man Biogemüse in einer von 860 zu mietenden Parzellen selbst pflücken. Der Haschahof bestellt das Feld und sät 20 verschiedene Arten. Neben den Pflückgärten gibt es 120 Legehühner mit 500 m2 Auslauf und 40 Mutterschafe. Ab Hof sind neben den eigenen auch zugekaufte Bioprodukte erhältlich.
www.haschahof.at

Hegihof
Der Hegihof wird von Bernhard Rzepa geführt, der sich zum Bioschafbauern berufen fühlt. Seine 60 ostfriesischen Milchschafe werden morgens und abends mit der Hand gemolken. Zur Joghurtherstellung nützt der Bioschaf­bauer die unbehandelte, frische Rohmilch. Es gibt keine Pasteurisierung. Die Milchsäurebakterien werden täglich nach dem Melken hinzugefügt. Das Joghurt wird mit heimischem Akazienhonig gesüßt. www.hegi.at

Walter Jani
Der gelernte Drogist verarbeitet seit 35 Jahren selbst angebaute Kräuter zu Tees, Cremen, Shampoos und Körperölen. Auch Getreidesorten wie Dinkel oder Roggen baut er selbst an. Daraus bäckt er Brot und Gebäck im Ziegelofen oder kreiert Nudeln von Lasagneblättern bis zu Spaghetti. Selbst gebrautes Bier gibt es auch im Sortiment.
[email protected]

Krautwerk
Geführt wird das Krautwerk vom Quereinsteigerpaar Claudia und Robert Brodnjak. Als Kunden für ihre Biokarotten & Co. wünschen sich Claudia und Robert nicht Wiederverkäufer, sondern Endverbraucher. Samstags verkauft das Krautwerk seine Produkte am Karmelitermarkt in 1020 Wien. www.krautwerk.at

Foto/Video: Katharina Führer

Redakteurin bei Option

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