Schulmedizin: Besser nicht zum Onkel Doktor?

Schulmedizin

Während ein Großteil der Bevölkerung gesundheitliche Probleme beim Arzt abklären lässt, geht der Rest andere Wege: Eine Studie der Medizinischen Universität Wien ergab, dass nur knapp 79 Prozent der Österreicher mindestens einmal im Jahr einen Allgemeinmediziner aufsuchen, 67,4 Prozent einen Facharzt. Ein Debakel für die Schulmedizin.
„Was wir beobachten und uns auch aus Spitälern berichtet wird, ist, dass manche Menschen bei Beschwerden erst abwarten, ob sie sich von selbst legen“, sagt Susanne Lang-Vorhofer, Sprecherin der Ärztekammer. Viele Patienten gehen auch nicht zum niedergelassenen Arzt, weil sich die Öffnungszeiten nicht mit dem Berufsleben vereinbaren lassen, sondern suchen eine Spitalsambulanz auf. „Wenn ich krank bin, schleppe ich mich doch nicht nur wegen der Bestätigung zum Arzt“, meint der PR-Berater Florian Müller. „Dann kann ich auch gleich arbeiten gehen.“ Immer mehr Menschen haben keine Zeit, krank zu sein, vermutet auch die klinische und Gesundheitspsychologin Martina Schwaiger. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die Menschen dazu zwingt, permanent ihre Grenzen zu überschreiten. Irgendwann spüren sich diese Menschen nicht mehr.“

Laut Ärztekammer gibt es aber auch immer mehr Patienten, die lieber gleich eine Ambulanz als den Hausarzt aufsuchen. Sie sind der Meinung, dass sie sich dort von Kopf bis Fuß durchchecken lassen können. „Jährlich werden rund 17 Millionen Ambulanzfrequenzen verzeichnet, statistisch gesehen sucht jeder Österreicher mehr als zweimal jährlich eine Ambulanz auf“, so Lang-Vorhofer. Laut einer Vorarlberger Studie aus dem Jahr 2010 wäre die Hälfte dieser Patienten im niedergelassenen Bereich besser aufgehoben.

Unterschiedliche Erwartungen

Schlechte Erfahrungen mit Ärzten bringen Menschen ebenfalls dazu, sich nicht mehr in ärztliche Behandlung der Schulmedizin zu begeben. So auch Florian Müller, der von zwei Ärzten zwei verschiedene Diagnosen zum selben Krankheitssymptom bekam. „Raten kann ich auch selbst“, so Müllers niederschmetternde Diagnose. „Ich gehe sehr selten zum Arzt, da ich nicht gerne Medikamente nehme“, meint hingegen Andrea Hübl. Die 31-Jährige sucht lieber im Netz nach Hausmitteln oder fragt in der Apotheke nach Naturheilmitteln. „Auch zur Gesundheitsvorsorge gehe ich nicht, da ich auf meinen Körper höre und spüre, wenn etwas nicht passt.“ Laut Ärztekammer wird die Vorsorgeuntersuchung von jungen Menschen bis 24 Jahren kaum in Anspruch genommen – 2009 waren nur 5,5 Prozent der 18- bis 24-jährigen Männer und 7,6 Prozent der gleichaltrigen Frauen bei der kostenlosen Vorsorgeuntersuchung. „Mit steigendem Alter dürfte auch das Gesundheitsbewusstsein wachsen“, ergänzt Lang-Vorhofer. So gingen 15,5 Prozent der 60- bis 64-jährigen Männer und 15,8 Prozent der gleichaltrigen Frauen zur Vorsorgeuntersuchung.
Wenn Menschen sich nie ärztlich untersuchen lassen, fällt das für die Psychologin Martina Schwaiger unter Verdrängung. „Diese Menschen haben Angst, etwas zu erfahren, was sie nicht hören wollen. Man nennt das auch Vermeidungsverhalten.“

„Diese  Menschen haben Angst, etwas zu erfahren, was sie nicht hören wollen. Man nennt das auch Vermeidungsverhalten.“

Andere bevorzugen Alternativmedizin, wie der 45-jährige Martin Hirsch (Name geändert). „Ich schwöre seit 20 Jahren auf Homöopathie und lasse mich auch nur von einem ausgebildeten Homöopathen beraten.“ In der westlichen Welt nimmt die Anwendung alternativ- oder komplementärmedizinischer Methoden stetig zu. „Es liegt auf der Hand, dass Faktoren wie Umwelteinflüsse, Ernährung, Bewegung oder Lebensstil in der Schulmedizin ungenügend berücksichtigt oder sogar bewusst ausgeklammert werden“, erklärt Daniel Doberer, Facharzt für Innere Medizin. „Mit dem mechanistischen Krankheitsmodell wurde die Krankheit in den Vordergrund und der Patient in den Hintergrund gerückt.“ In den Konzepten und Behandlungen komplementärmedizinischer Methoden fühlten sich Patienten in ihrer Gesamtheit oft besser verstanden.

„Die Inanspruchnahme des österreichischen Gesundheitssystems ist im Vergleich zu anderen EU-Ländern sehr hoch und unkoordiniert. Das führt aber nicht zu einem besseren Gesundheitszustand.“

Verbesserungswürdiges System

„Die Inanspruchnahme des österreichischen Gesundheitssystems ist im Vergleich zu anderen EU-Ländern sehr hoch und unkoordiniert“, sagt Kathryn Hoffmann, Co-Autorin der Studie am Zentrum für Public Health der MedUni Wien, über die heimische Schulmedizin. „Das führt aber nicht zu einem besseren Gesundheitszustand.“ So haben 65-jährige Norweger deutlich mehr gesunde Lebensjahre vor sich als die Österreicher – „obwohl sie nicht so oft zum Arzt gehen und ihr Gesundheitssystem günstiger ist“. In Norwegen etwa sind es nur 17 Prozent der Bevölkerung, in Irland 24,8 Prozent, die regelmäßig einen Facharzt aufsuchen. „In diesen Ländern ist allerdings der Besuch beim Hausarzt Voraussetzung für eine Überweisung zum Facharzt, der Hausarzt hat eine ganz andere Stellung als in Österreich“, ergänzt Hoffmann. Die Patienten müssen zuerst zum Hausarzt – oft in sogenannten „Community Health Centers“, wo mehrere Hausärzte unter einem Dach praktizieren und sich intensiv austauschen. „Diese haben einen Gesamtüberblick“, so Hoffmann. In Österreich werden Hausärzte zunehmend zu reinen Überweisern zu den Fachärzten.

Alternativen zur Schulmedizin

Homöopathie
Eine Behandlungsmethode, die mit Arzneien vorwiegend aus dem Mineral- Pflanzen- und Tierreich arbeitet. Die Arzneien werden nach der Ähnlichkeitsregel verordnet: Eine Arznei heilt jene Beschwerden an Kranken, die denen ähnlich sind, welche sie an gesunden Menschen hervorrufen kann. Die verwendeten Arzneien sind potenziert, d.h. verdünnt. Die Homöopathie betrachtet den Menschen als eine Einheit von Leib, Seele und Geist, sie darf in Österreich ausschließlich von Ärzten ausgeübt werden.

Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)
Zu den therapeutischen Verfahren der chinesischen Medizin zählen vor allem die Therapie mit Kräutern, Akupunktur, Schröpfen sowie die Moxibustion (Erwärmung von Akupunkturpunkten). Auch Massagetechniken wie Tuina Anmo und Shiatsu, Bewegungsübungen wie Qigong sowie die Fünf-Elemente-Ernährung sind Teil der TCM. Ein TCM-Arzt beobachtet genau das Verhalten und Auftreten des Patienten, die Physiognomie, die Zunge, den Puls und die Ausscheidungen.

Ayurveda
Ayurveda wurde in Indien entwickelt und zählt zu den ältesten bekannten Therapieformen. Der Begriff bedeutet „Wissen vom Leben“ und fußt auf dem Konzept der Tridosha. Dieses beinhaltet die Einheit und Harmonie der drei Doshas Vata (Körper/Bewegung), Pita (Geist/Energie) und Kapha (Seele/Zusammenhalt). Eine wichtige Diagnosemethode ist hierbei die Pulsdiagnostik, die das Wechselspiel der drei Grundprinzipien erfassen hilft. Neben dem Wissen um die gesunde Lebensweise verfügt die ayurvedische Medizin über zwei Behandlungsmethoden: Dravyaguna (Kräuterheilkunde) und Panchakarma (Ausleitungs- und Reinungstherapie).

Geist-Körper-basierte Methoden
Meditation, Entspannungstechniken, autogenes Training, Tai-Chi, Yoga, Hypnose, Biofeedback

Körper- und bewegungsbasierte Methoden
Massage, Chiropraktik, Cranio-Sacral-Therapie, Osteopathie, Pilates

Foto/Video: Shutterstock

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