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Aber sicher – Kolumne von Gery Seidl

Gery Seidl
Gery Seidl

Wenn ich zurückdenke, ist meine erste Kindheitserinnerung an das Wort Sicherheit, der „Helmi-Kinderverkehrsclub.“ Da ging es nur um Sicherheit. Ein Sammelsurium von Dingen, die du beachten musst, wenn du mit dem Rad unterwegs bist. Wenn du zum ersten Mal deinen Schulweg alleine meisterst, einen Sicherheitsgurt benutzt und vieles mehr. Eine wunderbare Idee.
Doch wie bei allen Dingen macht die Dosis das Gift. Denn wenn man zum einen darauf aufmerksam gemacht wird wie man etwas richtig zu tun hat, so wird man auch ständig mit der Tatsache konfrontiert, dass man es „nicht richtig“ machen kann und etwas passiert. Wo also zieht man die Grenze zwischen dem „sollte man wissen“ und dem „daran wird wahrscheinlich keiner denken“?
Sicherheitsmaßnahmen im amerikanischen Stil, wo der Hinweis am Mikrowellenherd darauf aufmerksam macht, „ein Haustier darin nicht zu trocknen“, sind ein alter Hut. Doch kommt es mir vor, dass auch bei uns Sicherheitshinweise zunehmen. Woran liegt das? Liegt es daran, dass der Erzeuger gezwungen ist, auf jede mögliche und unmögliche Verwendung des Produktes einzugehen? Liegt es dem Staat am Herzen besser auf uns zu achten oder verblödet der Mensch schlichtweg und der Markt hat das erkannt.

Was ist dem wahlberechtigten, denkenden Menschen und seinem Sprössling zuzumuten? Trage ich auf der Skipiste einen Helm, oder nicht? Wann kommt der Zeitpunkt, wo man es mir vorschreiben wird? Ist dann nur der Helm verpflichtend oder muss ich auch einen Rückenprotektor tragen. Knie- und Ellbogenschützer. Ein Lawinenpipserl. Natürlich nicht! Der Helm wird reichen. Ach so? Wir werden sehen.

Das Auto von morgen ist mittlerweile mit den modernsten Geräten ausgestattet. Diverse Kameras scannen den Bereich um uns herum ab und geben uns jede auch nur erdenkliche Information weiter. Ein Spurwechsel ohne blinken kann nur gewaltsam erfolgen, da das Auto dagegen steuert. Auffahren auf den Vordermann bis zu einem erlaubten Maß ist nicht mehr möglich, da der Wagen von selber bremst. An deinem Fahrverhalten erkennt das Auto, wann du müde bist und rät dir zu einer Pause. Das sind nur wenige von all den Möglichkeiten, die mir ein Gefühl der „Sicherheit“ geben. Abgesehen davon, dass ich diverse Sitzpositionen programmieren kann, mich das Auto sofort an meinem Telefon erkennt und mir einen schweren Tinnitus einbrockt, wenn ich mich nicht unmittelbar nach dem Start angegurtet habe.

Das dient natürlich alles meiner Sicherheit, soweit habe ich das schon verstanden. Was allerdings passiert, wenn sich all die Mechanismen selbständig machen. Erst kürzlich ist es bei einer Automarke vorgekommen, dass ich den Wagen mit der Fernbedienung öffne und der Motor springt selbständig an. Was also, wenn sich mein Auto plötzlich entschließt mit aller Kraft zu bremsen, weil es ein Hindernis vermutet? Unmöglich? Ach so! Wir werden sehen.
Wie werden wir damit umgehen, wenn unser Automobil, nachdem es erkannt hat, dass der Fahrer müde ist, schlichtweg auf den nächsten Parkplatz fährt und uns eine Stunde Pause verordnet. Und wehe, wenn in dieser Pause nicht ausgeruht wird. Tagelang sitzen wir auf dem Parkplatz fest. Zumindest so lange bis unser Auto wieder beschließt, dass wir weiter fahren dürfen. „Das kann man abschalten“, sagt der Konstrukteur. Natürlich. Doch wie lange noch?

Ist es der Zauber, der uns weiter bringt oder sind es die „Geister“, die wir irgendwann einmal nicht mehr los werden?

Ist es der Zauber, der uns weiter bringt oder sind es die „Geister“, die wir irgendwann einmal nicht mehr loswerden? Der Umstand, dass uns unsere Eltern seinerzeit liegend im Auto – ich auf der Hutablage und mein Bruder am Rücksitz unseres Opel Records – transportiert haben, würde meinem Vater heute lebenslänglich den Führerschein kosten. Damals war das eben so. Nackenstützen und Gurte gab es nicht oder wurden nicht verwendet. Die Lenkstange war starr, dafür war die Stoßstange noch eine Stoßstange und keine Verkleidung. Das Blech war so dick, dass man damit hätte ein zweites Auto bauen können. In einem Käfer Baujahr 1957 glaubte man bei einer Geschwindigkeit von 80 km/h zu fliegen.

Alles Schnee von gestern. Der Mensch ist schneller geworden und das erfordert mehr Sicherheit. Egal wo auch immer er sich bewegt. Vor allem aber in der Luft. Ich kann heute ungehindert mit 200 kg Sprengstoff in die U1 einsteigen und den Stephansdom in der neurenovierten Virgilkapelle versenken, darf aber nicht mit meinem Haargel in den Flieger einsteigen. Soll ich mich jetzt freuen und die Freiheit der U-Bahn genießen oder die Sinnhaftigkeit der Einschränkungen beim Reisen in der Luft hinterfragen.

Was ich noch nicht entdeckt habe, ist der Hinweis zum Einschalten des eigenen Hirns.

Wo fängt Sicherheit an und ab wann wird sie zur Schikane und reinem Profit? Unser Lebensraum ist voll von Ge- und Verboten. Was ich noch nicht entdeckt habe, ist der Hinweis zum „Einschalten des eigenen Hirns“.
Das gibt es nämlich immer noch und es kann eigentlich sehr viel, obwohl wir nur etwa fünf Prozent der möglichen Leistungsfähigkeit nutzen. Wäre ein Leben in einer funktionierenden Gesellschaft ohne Sicherheitshinweise überhaupt noch möglich?

Was ich mir wünsche ist die Sicherheit, die heute nur eine intakte Familie ihrem Kind noch geben kann. So können Kinder die Welt entdecken. Die Sicherheit einer Gesellschaft die gegenseitig auf sich aufpasst und die Sicherheit mit ehrlicher Arbeit sein Geld zu verdienen und trotzdem seine Träume zu verfolgen. Zugegeben, vielleicht klingt das alles ein wenig blauäugig. Doch diese Blauäugigkeit lasse ich mir mit Sicherheit nicht nehmen. Passen wir aufeinander auf.

Foto/Video: Gary Milano

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Geschrieben von Gery Seidl

Kabarettist und Kolumnist bei Option

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