Upcycling – Design aus der Mülltonne

Upcycling – Design aus der Mülltonne

Haben Sie heute schon im Müll Ihrer Nachbarn gestöbert? Vielleicht ist ja etwas Brauchbares dabei! Denn ob Abfall oder Rohstoff liegt alleine im Auge des jeweiligen Betrachters. Was für den einen nur Müll ist, dient anderem als Material zur kreativen Umgestaltung. Upcycling nennt sich die Kunst, scheinbar Nutzloses wieder in Wertvolles zu verwandeln und dabei gleichzeitig den täglich anwachsenden Müllberg ein kleines bisschen kleiner zu machen.

Vieles von dem, was achtlos in der Mülltonne landet, ist oft viel zu schade zum Wegwerfen. Upcycling lautet die alternative Antwort auf die Wegwerfgesellschaft. Denn noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hat eine Gesellschaft so viel Energie und Rohstoffe für die Produktion von Konsumgütern verbraucht, die immer schneller letztendlich auf dem Müll landen.

So sammeln sich in den Haushalten der EU jährlich rund 220 Tonnen Abfall. Trotz Mülltrennung und Rohstoffrecycling bleiben immer noch rund 180 Tonnen für die Restmülltonne. Alleine die Verpackungen, die im Laufe eines Jahres achtlos im Abfalleimer verschwinden, wiegen in  Summe knapp 4000 Mal so schwer wie der Eiffelturm. Allein in Österreich kommt auf jeden Einwohner mehr als eine halbe Tonne Müll jährlich.

Dabei ist längst nicht alles, was auf den ersten Blick unbrauchbar erscheint, gleich wertlos. Vieles lässt sich wieder- bzw. weiterverwerten, im Ganzen oder in Teilen umbauen bzw. umfunktionieren und findet so ganz neue Einsatzbereiche. Manchmal bedarf es dafür nur einer Änderung des Blickwinkels, wie eine wachsende Zahl an „Upcyclern“ tatkräftig unter Beweis stellt.

Produktlebenszyklus verlängern

„Upcycling steht im Gegensatz zum Recycling für eine Produktaufwertung. Während es beim Recycling darum geht, aus Papierabfällen wieder Papier, aus Glasresten wieder Glas usw. zu machen, wird beim Upcycling das Material aus seinem ursprünglichen Kontext genommen und einer neuen Verwendung zugeführt“, erklärt Daniel Strobel, Marketingverantwortlicher bei Gabarage upcycling design. Das Designlabel setzt auf Abfallprodukte als Rohstoff und fertigt daraus ökologisch nachhaltige Designerstücke und Gebrauchsgegenstände für Unternehmen und Privatkunden. Dabei arbeitet das Team in der Regel mit Designern zusammen.

So wird aus den Resten von Lkw- oder Werbeplanen schnell mal ein sogenanntes Gaga-Bag, ein ausgedienter Plastikmüllcontainer zum fahrbaren Polstersitzmöbel umfunktioniert oder alten Rolltreppen in Form von Sofa und Beistelltisch neues Leben eingehaucht – nicht übermäßig bequem, aber ein echter Hingucker in jedem Fall.

Im Jahr 2002 gegründet, gehört Gabarage zu den Upcycling-Pionieren in Österreich – zumindest was die professionelle Verwertung und Vermarktung von „Abfalldesign“ anbelangt. „Denn die Idee ist ja grundsätzlich nicht neu. Schon früher verwendeten Tüftler, Kreative und Künstler vermeintlichen Abfall als Ressource“, erklärt Strobel.

Mühlviertler Fleckerlteppich

Einer, dem das Wiederverwerten von Altem in die Wiege gelegt wurde, ist der Oberösterreicher Gilbert Zimmerbauer. Seit Generationen werden in der kleinen Handweberei in Klaffer am Hochficht im Böhmerwald Teppiche von Hand gewebt. Neben Schaf- und Baumwolle sind es vor allem Stoffreste aller Art, die in Streifen geschnitten und aneinandergenäht zu typischen Mühlviertler Fleckerlteppichen weiterverarbeitet werden. Rund 200 Meter Stoffstreifen werden für einen Quadratmeter Teppich benötigt. Wer will, kann auch seine eigenen Reste vorbeibringen und sich beispielsweise aus den alten Kinderstramplern einen Teppich mit Nostalgiefaktor weben lassen. „Schon unsere Großeltern und Urgroßeltern haben Fleckerlteppiche beispielsweise aus alter Kleidung gewebt. Zum Tragen nicht mehr gut genug, zum Wegwerfen aber viel zu schade, landete nichts auf dem Müll, das man noch irgendwie verwenden konnte. Diesbezüglich war man früher viel sparsamer“, weiß Zimmerbauer.

Aus Omas Badewanne

Längst haben die Upcycling-Produkte aus Abfall auch jeglichen Schmuddelcharakter abgelegt und sind gefragte Einzelstücke. Denn so individuell wie die Ausgangsmaterialien sind auch die Ergebnisse – samt kleiner Fehler und Gebrauchsspuren, die auf die Geschichte oder ursprüngliche Verwendung hindeuten. Der Fantasie der Designer sind dabei keine Grenzen gesetzt. „Egal ob alte Europalette, Badewanne, Rohrreste oder rostige Bleche – wir finden für alles die passende Lösung“, lautet so auch das Motto der Lignum-Wohndesigner aus Altheim. Kopf der kleinen oberösterreichischen Upcycling-Designschmiede ist das kreative Multitalent Peter Reiter-Stranzinger. Unzufrieden mit dem Angebot der Möbelhäuser, hat der gelernte Biochemiker angefangen, seine eigenen Möbel zu entwerfen, und dabei seine Leidenschaft zum Upcycling sowie gleich auch einen neuen Beruf gefunden. Und so verwandelt er beispielsweise Omas ausrangierte Badewanne mit viel Ideenreichtum, ein wenig handwerklichem Geschick und unter Einsatz eines Trennschleifers in eine individuelle Chaiselongue oder ein unkonventionelles Sofa. Der Gebrauchtlook seiner handgearbeiteten Designstücke ist auf Kundenseite durchaus erwünscht und macht seine Einzelstücke erst zu Unikaten.

Upcycling: Design mit sozialem Anspruch

Möbel und Wohnaccessoires aus Müll liegen voll im Trend und finden ihre Abnehmer vor allem bei designorientierten Konsumenten, die die kreative Idee mehr schätzen als den eigentlichen Materialwert. Selbst bei internationalen Möbelmessen wie dem „Salone del Mobile“ in Mailand oder der „100 Percent Design“ in London haben aufgepeppte Möbel aus Abfall längst Einzug gehalten. Kein Wunder – macht doch so manche zum Hocker oder Bistrotisch hochgestylte ehemalige Waschmaschinentrommel im Edelstahllook auch unter all den teuren Stücken der internationalen Designgrößen eine wirklich gute Figur.

Upcycling

Upcycling

Selbst oder gerade weil es sich dabei um „einzigartiges Design aus den Resten unserer Gesellschaft handelt“, wie die TraschDesignManufaktur (TDM) ihren Designansatz umschreibt. Als Abteilung des Demontage- und Recycling Zentrums (D.R.Z.), eines sozialökonomischen Betriebs der Wiener Volkshochschulen, wurde die TDM vor rund acht Jahren ins Leben gerufen. „Ursprünglich ging es in erster Linie darum, Elektro- und Elektronikaltgeräte zu demontieren und dem Recycling zuzuführen. Das hat sich aber weiterentwickelt und so haben wir zwei weitere Abteilungen im D.R.Z. ins Leben gerufen. Die Reuse-Abteilung, die Geräte, die noch funktionieren, wie Computer, CD- oder Plattenspieler wieder auf Vordermann bringt. Und die TDM, die aus den Elektronik- und Elektrogeräteresten Schmuck, Wohnaccessoires oder sogar Möbel machen“, erkläutert Thomas Kirchner vom TDM das Upcycling-Unternehmenskonzept.

„Neben der nachhaltigen Müllreduktion und der Wiedergewinnung wertvoller Ressourcen für einen nachhaltigen Rohstoffkreislauf standen bei diesem Projekt aber die sozialökonomischen Aspekte im Vordergrund“, so Kirchner weiter. Laufend arbeiten im D.R.Z. rund 65 Transitarbeitskräfte, die bislang auf dem freien Arbeitsmarkt keinen Job gefunden haben. Sie sind bis zu einem halben Jahr hier beschäftigt und werden in dieser Zeit von Sozialarbeitern bei der Reintegration und Arbeitssuche unterstützt. „Erklärtes Ziel dabei ist es, jeden Langzeitbeschäftigungslosen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren“, erklärt Kirchner.

Ein Anspruch, den sich auch das Upcycling-Team von Gabarage zum Ziel gesetzt hat. Als sozialintegratives Projekt ins Leben gerufen, ist es auch heute noch eines der Hauptziele des Unternehmens, Menschen mit besonderen Problemstellungen den (Wieder)Einstieg in den Regelarbeitsmarkt zu ermöglichen. Daniel Strobel dazu: „Das Konzept war von Anfang an so ausgelegt, dass dieser kreative Ansatz durch Upcycling-Design eine besondere Rolle spielt. Nicht zuletzt, weil die individuelle Natur unserer Produkte auch den weniger stromlinienförmigen Lebenslauf jener Menschen, mit denen wir arbeiten, bis zu einem gewissen Grad widerspiegelt.“

Foto/Video: Trashdesign.at

Redakteur bei Option

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