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Die Mutter des Bio-Gemüses

Kurz vor St. Leonhard im südlichen Waldviertel überkommt mich ein seltener, ehrfurchtsvoller Schauer. Was mich erwartet ist von fundamentaler Bedeutung – deutlich wird das aber vielleicht erst, wenn man darüber ein wenig nachdenkt: Jenseits der öffentlichen Wahrnehmungsgrenze legt hier die Firma ReinSaat die Basis dafür, dass es in Österreich überhaupt regionales Bio-Gemüse in großer Vielfalt geben kann. Hier wird Bio- und Demeter-Saatgut produziert. Für gesunde, ökologische Ernährung. Ohne jene Gentechnik. Und ganz besonders zum Erhalt der Vielfalt jener Kulturpflanzen, die seit jeher menschliches Überleben erst ermöglichen.
„Wir haben fast vergessen, was uns ernährt“, zeigt ReinSaat-Geschäftsführerin Reinhild Frech-Emmelmann unseren Verlust eines grundlegenden Naturverständnisses auf. Die Samenbäuerin und Züchterin bewahrt es für uns – aus Überzeugung: „Als Züchter trägt man Verantwortung. Für die Nahrung zu sorgen und auch für das Wohlbefinden der Menschen. Denn wenn es schmeckt, tut es gut.“

Proteste gegen Gentechnik

Schauplatzwechsel Philippinen: Hier bauen über 415.000 Kleinbauern großflächig gentechnisch veränderte Pflanzen an. Doch nicht alle sind begeistert. Schon 2013 wurden aus Protest Gentechnik-Testfelder zerstört. Während im Frühjahr 2015 kanadische Lobbyisten für den gentechnisch veränderten „golden rice“ die Werbetrommel rühren, erhitzen sich abermals die Gemüter der Landwirte. Dabei soll der Wunder-Reis doch der weltweiten Mangelernährung Einhalt gebieten, da er so verändert wurde, dass er mehr Betacarotin produziert, welches im Körper in Vitamin A umgewandelt wird. Das gehe aber völlig am Ziel vorbei, sagt dazu Chito Medina vom bäuerlichen Saatgut-Netzwerk Masipag: „Mikronährstoffmangel tritt meist bei Kindern aus armen Familien auf, die sich keine ausgewogene Ernährung leisten können. Golden Rice ist daher keine Lösung, stattdessen benötigen diese Menschen Zugang zu Ressourcen.“ Der entscheidende Punkt: Die Konzerne von Gentechnik-Saatgut sichern sich ihre Kunden dadurch, dass aus den geernteten Pflanzen kein brauchbares Saatgut entstehen kann. Jährlich müssen daher neues Saatgut teuer erstanden und Patent-Gebühren bezahlt werden. Viel Geld für arme philippinische Kleinbauern.

Abhängigkeit & Macht

„Gentechnik ist Abhängigkeit in Höchstform. Es geht um ein Selbstbestimmungsrecht. Auf den Philippinen wurde Gentechnik behördlich verordnet. Fast 100 Prozent der autochthonen Sorten (ohne menschlichen Einfluss, natürlich und regional entwickelte Pflanzen, Anmerkung d. Red.) sind verlorengegangen“, erklärt Frech-Emmelmann die wahre Gefahr durch Gentechnik – abseits ungeklärter gesundheitlicher Bedenken.
Trotzdem nehmen die mit gentechnisch veränderten Pflanzen bewirtschafteten Flächen zu. 2014 sind sie weltweit um drei Prozent auf nunmehr 181 Millionen Hektar gestiegen, gegenüber 2013 noch einmal ein Plus von sechs Millionen Hektar. Eine weitere aktuelle Sorge: Durch neue Biotechnologie werde Gentechnik eingeschleust, die nicht mehr nachweisbar ist.

ReinSaat: Jahrtausende altes Know-how

Beinahe unbemerkt droht so eine der frühesten Errungenschaften der Menschheit in Vergessenheit zu geraten: Vor Jahrtausenden haben sich Menschen in einer erstaunlichen Pionierleistung das Wissen um die Kultivierung und Zucht von Pflanzen angeeignet. „Das Potential war da, es musste der Natur nur entlockt werden“, erklärt die Expertin von ReinSaat. Beispiel Salat: „Wir haben diese weichen, süßen Blätter von einer Rosettenbildung einer Pflanze. Sie wurde so gezüchtet, dass sie Hüllblätter ausbildet und dabei nicht gleich austreibt. Ein Anhalten in einem Jugendstadium der Pflanze. Erst das ermöglicht Ernährungsproduktion. Früher war Samenbauer oder Züchter ein Beruf mit einschlägiger Ausbildung und wurde sogar auf den Hochschulen unterrichtet. Das ist leider nicht mehr so.“
Technik, Städte, Konsumgesellschaft – Durch viele Faktoren haben wir uns der Natur entfremdet. Es gibt aber gute Gründe dafür, dass Saatgut natürlich, biologisch und regional produziert wird. Über Pflanzengenerationen hinweg werden selektierte Merkmale von der Mutter- zur Tochterpflanze weitergegeben. Dadurch konnten sich Sorten den Umweltbedingungen anpassen und immer stabiler werden. Entsprechendes Saatgut wird „samenfest“ genannt.

„Der Konsument weiß gar nicht, was er da an Bio-Gemüse erhält. Gemüse aus Hybridsaatgut wird nicht gekennzeichnet.“, Reinhild Frech-Emmelmann, ReinSaat, über Bio-Gemüse.

ReinSaat-Chefin Reinhild Frech-Emmelmann bei ihren rund 70 Paradeiser-Sorten.
ReinSaat-Chefin Reinhild Frech-Emmelmann bei ihren rund 70 Paradeiser-Sorten.

Bio-Saatgut vs. Hybrid

Ganz anders ist das bei Hybriden (Kennzeichnung F1). Ohne genetische Durchmischung werden diese Pflanzen in Inzucht gekreuzt, um den sogenannten Heterosis-Effekt zu erzielen: ein Aufbäumen der Zuchtkomponenten, was zu einem deutlich besseren Ernteertrag führt. Die fatale Folge: Die genetischen Informationen im daraus entstehenden Saatgut zerfallen chaotisch und verlieren die Merkmale der Mutterpflanze. Bei vielen Kulturpflanzen wie Raps oder Roggen liegt der Hybrid-Anteil im deutschsprachigen Raum bereits bei über 50 Prozent.
Die Sortenvielfalt ist in Gefahr, bestätigt Frech-Emmelmann von ReinSaat: „Wenn wir Sorten züchten, die mit weniger Wasser auskommen müssen, oder Sorten, die ein langes Wurzelsystem entwickeln, dann ist das ein Fortschritt. Wenn aber jedes Jahr Hybriden produziert werden, gibt es keinen Fortschritt in der Entwicklung der Pflanzen. Samenfestes Saatgut bietet vielleicht keine Rekordernte, aber die viel wichtigere Ertragssicherheit.“
Angesichts dessen würde ein bewusster Konsument Hybrid-Gemüse sicherlich meiden – wenn es denn möglich wäre. Aber ganz im Gegenteil: So manche Hybrid-Ware wird uns frech als Bio-Gemüse feilgeboten. „Der Konsument weiß gar nicht, was er da erhält. Gemüse aus Hybrid-Saatgut wird nicht gekennzeichnet“, kritisiert die ReinSaat-Chefin.

Bio-Gemüse: 80 eigenentwickelte Sorten

Vielfalt in wahrsten Sinne ermöglichen Bio-Saatgut-Produzenten – auch durch neue Zuchterfolge. Stolz präsentiert Reinhild Frech-Emmelmann ihre „Jessica“, das Ergebnis einer partizipativen Züchtung in Zusammenarbeit mit einem Landwirten aus Eferding. Der hatte unter seiner Mangold-Aufzucht eine für seine Zwecke besonders geeignete Pflanze entdeckt und ReinSaat mit der Züchtung beauftragt. Inzwischen ist Jessica „erwachsen“ und eine kleine Mangold-Sorte mit ledrigen Blättern, tollem Geschmack und weißen Stielen. Sie sieht aus wie ein großer Pak Choi und ist im Vergleich zu sonstigem Schnittmangold sehr gut transportfähig. Zehn Jahre lang hat Frech-Emmelmann die junge Sorte gezüchtet und gepflegt: „Man muss die Pflanzen lieben – die Schönheit der Pflanze. Arbeit mit dem Wesen der Pflanze bedeutet sich als Mensch ganz zurück zu nehmen.“

 

Über ReinSaat:

Im Jahre 1992 wurde in Österreich nach dem Vorbild der Schweiz und Deutschlands der Initiativkreis für Gemüsesaatgut aus biologisch-dynamischem Anbau gegründet. Zunächst im kleinen Rahmen setzte sich ein engagierter Kreis mit der biologisch-dynamischen Züchtung auseinander.
1998 folgte dann der nächste Schritt: Die Gründung der Firma ReinSaat als Züchter und Erzeuger von Bio- und Demeter-Saatgut für Bio-Gemüse-Großproduzenten, Direktvermarkter (Hofladen und Marktfahrer mit eigenen Anbau) sowie Hobby-Gärtner. Mittlerweile vermehren über 30 Betriebe in verschiedenen Regionen Österreichs und in der EU Saatgut zum Teil biologisch-dynamisch und zum Teil organisch biologisch.
Der Hof der Züchterin Reinhild Frech-Emmelmann, das Herzstück der Firma ReinSaat liegt im südlichen Waldviertel – in St. Leonhard am Hornerwald. Von hier aus erfolgt der Versand des Saatguts, aber auch die Aufbereitung und Reinigung und die Überprüfung der Keimfähigkeit.
Das ReinSaat-Sortiment umfasst Bio-Gemüse, Blumen, Kräuter und Gründüngungen und ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Neben eigenen Neuzüchtungen vertreibt ReinSaat auch biologisch-dynamische Neuzüchtungen aus Deutschland und der Schweiz und hat in Kooperation mit Arche Noah ein eigenes Raritäten-Sortiment aufgebaut. Rund 450 Sorten von Kulturgemüse werden bewahrt und produziert, alleine bei Paradeisern stehen 70 Sorten im Katalog.
Viel Demeter- und Bio-Gemüse im Handel wird aus ReinSaat-Saatgut produziert, u.a. bei Hofer (gemischte Paprika und Paradeiser) und Ja Natürlich (Rewe).

Foto/Video: Shutterstock

Geschrieben von Helmut Melzer

Als langjähriger Journalist habe ich mir lange die Frage gestellt, was denn aus journalistischer Sicht tatsächlich Sinn machen würde. Meine Antwort darauf siehst Du hier: Option. Auf idealistische Weise Alternativen aufzeigen – für positive Entwicklungen unserer Gesellschaft. Im April 2014 erschien das Option Printmagazin (und Option Online) erstmals, und gibt es heute noch – trotz aller Herausforderungen. Im Mai 2018 startete Option als Soziales Netzwerk.

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