Menschen für Menschen - Äthiopien
in ,

Äthiopien: Der „integrierte Entwicklungsansatz“

Geduldig wartet Lalise, bis ihre Schwester fertig ist, dann kauert auch sie sich neben die Wasserstelle und füllt ihren gelben Kanister behutsam mit Wasser. Sie muss vorsichtig von der Oberfläche des kleinen Rinnsals schöpfen, um nicht den Schlamm vom Boden aufzuwirbeln.

„Das Wasser ist oft sehr dreckig. Kurz nach der Regenzeit – wie jetzt – sieht es ein bisschen besser aus.“ Nur ein paar Meter weiter marschieren Rinder und Ziegen vorbei und grasen die Gegend ab. Auch sie trinken aus dem kleinen Wasserloch und hinterlassen Mist, Keime und Bakterien. Für uns ist es offensichtlich, dass dieses Wasser nicht gesund sein kann. Doch den Menschen in weiten Teilen des ländlichen Äthiopien ist oft nicht bewusst, dass Wasser aus ungeschützten Quellen sie und ihre Kinder krank macht. Viele leiden an Durchfall, eine der Haupttodesursachen bei Kindern unter fünf Jahren in Äthiopien.

Äthiopien: Mühsamer Alltag für Frauen

Aber es sind nicht nur die gesundheitlichen Folgen, die den katastrophalen Zugang zu sauberem Trinkwasser in Äthiopien zu einem Problem machen. Frauen und Mädchen verbringen viele Stunden des Tages mit dieser mühsamen Arbeit. Auch Lalise muss mehrmals täglich Wasser holen. Dazu kommt das tägliche Sammeln von Feuerholz. Da bleibt kaum Zeit für anderes, Bildung für Mädchen und Frauen nimmt eine untergeordnete Rolle ein. Nur rund jede dritte Äthiopierin kann lesen und schreiben.

Die Prioritäten der Menschen liegen woanders, wie Derese Sheferaw erzählt: „Für die Familien wird es immer schwieriger, das ganze Jahr über genug zu essen zu haben.“ Derese arbeitet als Entwicklungsberater für Menschen für Menschen in der Projektregion Abu­ne Ginde Beret. Er ist täglich in den Dörfern unterwegs, um im Gespräch mit den Menschen zu erfahren, wo die größten Herausforderungen liegen. „Die Böden werden immer schlechter und die Bevölkerungszahl immer größer. Auch andere Probleme führen zu einer schlechten Bodenqualität. Zum Beispiel bestellen die Bauern immer dasselbe Stück Land, das durch die immer gleiche Nutzung ausgelaugt wird, die Erosion schreitet voran und die Regenfälle werden immer unzuverlässiger.“

Ziel: Ernährung langfristig sichern

Äthiopien
Äthiopien

Die Auswirkungen dieser vielen Faktoren spürt auch Soru Dechasa (Bild), die mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern einige Ortschaften weiter lebt: „Wir haben einfach nicht genug Land, um die Familie ausreichend zu ernähren“, erzählt sie. „Vergangenes Jahr bekamen wir noch Nahrungsmittelhilfe von der Regierung in Äthiopien, aber dieses Jahr gab es keine Hilfe.“ Das ganze Jahr über ausreichend zu essen zu haben, das ist der größte Wunsch der Menschen in dieser Region. Gemeinsam mit den Entwicklungsberatern setzen sie deshalb auch begeistert Maßnahmen um, die Menschen für Menschen ihnen empfiehlt. Ziel ist es, die Ernährung der Menschen in Zukunft zu sichern und sie unabhängig von fremder Hilfe zu machen. „Hier gab es in kurzer Zeit schon viele Veränderungen. Unsere Entwicklungsarbeit ist sehr wichtig – die produktivere Hühnerrasse, die wir hier verbreiten, oder auch die Gemüsegärten sind große Schritte für die Menschen“, zeigt sich Derese optimistisch für die Zukunft der Region.

Äthiopien
Äthiopien
Der „integrierte ländliche Entwicklungsansatz“ – Gemeinsam mit der Bevölkerung arbeitet Menschen für Menschen in den Projektregionen an der Planung und Umsetzung umfassender Maßnahmen aus den Bereichen Wasserversorgung, Landwirtschaft, Gesundheit, Infrastruktur, Bildung, Soziales und Frauenförderung. Ziel ist es, die Menschen in Äthiopien unabhängig von fremder Hilfe zu machen und die Ernährung ganzer Regionen langfristig zu sichern.

Mit Wissen zum Fortschritt

Das Um und Auf für den Erfolg ist die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung in Äthiopien, die diese Veränderung selbst herbeiführt. Die Menschen erhalten Zugang zu neuem Wissen und verbesserten Techniken. In landwirtschaftlichen Kursen erfahren die Bauern, wie wichtig es ist, Terrassierungen vorzunehmen, um das Abschwemmen des nährstoffreichen Humus zu verhindern. Zu diesem Zweck werden auf den Feldern beispielsweise in regelmäßigen Abständen Vetivergrasbänder  gesetzt. Die Kursteilnehmer haben auch Zugang zu neuem oder ertragreicherem Saatgut. Rote Rüben, Mangold, Kohl, Karotten oder Tomaten, es gibt viele Gemüsesorten, die hier bisher niemand kannte. Auch Lalises Mutter Tirifi Bayisa hat schon einen kleinen Garten angelegt. „Ich habe im Kurs gelernt, wie ich das Gemüse anbauen und pflegen muss. Wie ich zum Beispiel Mangold zubereite, hat mir eine Nachbarin gezeigt.“ Auch darauf baut die Arbeit von Menschen für Menschen hier in den entlegenen Orten auf: Sogenannte Modellbauern sind die Pioniere, die als Erste Neues ausprobieren und ihren Nachbarn, Freunden und Verwandten von ihren Erfahrungen und Fortschritten berichten. Tirifi hat auch schon von den Kursen zur Hühneraufzucht gehört. „Ich möchte bald an so einem Kurs teilnehmen. Meine Hennen legen nur ein oder zwei kleine Eier pro Woche, die wir für uns selbst brauchen. Es wäre schön, wenn wir auch ein paar Eier am Markt verkaufen könnten.“ Kurse zur Hühneraufzucht bietet Menschen für Menschen in Abune Ginde Beret seit gut einem Jahr an. Dort lernen die Frauen, wie sie die Hühner richtig füttern und pflegen. Außerdem müssen sie einen Hühnerstall bauen, wo das Geflügel artgerechten Unterschlupf findet. Erst dann haben sie die Möglichkeit, die produktiveren Hühner zu einem gestützten Preis zu erhalten.

Zusammenhänge bewusst machen

 Äthiopien
Äthiopien

Doch zunächst gibt es auf Tirifis kleinem Hof noch andere Baustellen, im wörtlichen Sinne. Gemeinsam mit Tochter Lalise hockt sie vor ihrer Kochstelle und legt trockene Zweige und Blätter ins Feuer. „Zusätzlich zum Wasserholen sind wir auch jeden Tag unterwegs, um Feuerholz zu sammeln“, erzählt Lalise. Manchmal nutzen sie auch getrockneten Viehdung für das Kochfeuer. In der kleinen Hütte steigt einem schnell der Rauch vom Feuer in Nase und Lunge, die Augen beginnen zu tränen.

Der überwiegende Teil der Bevölkerung kocht hier noch auf dem sogenannten „Three Stone“, was nichts anderes ist als drei Steine am Boden, auf die ein Kochtopf oder eine Tonplatte gestellt wird. Die Rauchentwicklung ist enorm und die Gesundheitsgefahren sind in der Öffentlichkeit nur wenig bekannt. Neben Verbrennungen, die vor allem kleinen Kindern gefährlich werden können, führen Krankheiten aufgrund der Luftverschmutzung durch offene Feuer jährlich zu über zwei Millionen Todesfällen weltweit. Frauen und Kinder sind dabei in besonderem Ausmaß betroffen.

Auch in Tirifis Heimatregion nutzen die meisten Familien den traditionellen „Three Stone“ zum Kochen. Gerade mal zwei von hundert Familien in Abune Ginde Beret hatten zu Beginn der Projektarbeit einen energiesparenden Ofen. Dabei ist es wichtig, den Menschen den Zugang zu einem solchen Ofen zu erleichtern, wie Projektleiter Berhanu Bedassa erklärt: „Es geht auch darum, den Menschen die Zusammenhänge bewusst zu machen. Holz ist ein Gut, das gerade in Äthiopien äußerst wertvoll und für das tägliche Leben elementar ist. Oft werden Baumbestände auch abgeholzt, um Land zu gewinnen, das bestellt werden kann. Dadurch kommt es über kurz oder lang zu weitreichender Erosion mit verheerenden Folgen für Umwelt und Mensch.“

Es sind deshalb kleine Schritte, die auf lange Sicht große Wirkung zeigen. „Wir empfehlen den Bauern, auf ihren eigenen kleinen Höfen Bäume zu pflanzen. Heimische Sorten, aber auch rasch wachsenden Eukalyptus, den die Menschen schnell wieder verwenden können“, erläutert der Projektleiter. „Wir kommen nicht in eine Region und schreiben den Menschen vor, was sie zu tun haben. Wir möchten, dass die Bevölkerung selbst erfährt, was zum Beispiel durch eine bessere Bewässerungstechnik oder durch Aufforstung erzielt werden kann.“

Schneller und langfristiger Erfolg

Wie schnell sich ein Erfolgserlebnis einstellen kann, hat Soru Dechasa selbst erlebt. Sie hat sich schon einen energiesparenden Ofen zugelegt. „Statt wie bisher zwei bis drei Tage, reicht mein gesammeltes Holz jetzt acht Tage lang!“, freut sich die fünffache Mutter. Der unmittelbare Vorteil liegt für Soru auf der Hand: „Ich bin nicht mehr ständig mit dem Sammeln von Holz beschäftigt, diese Zeit kann ich jetzt anders nutzen. Zum Beispiel denke ich daran, einen Kurs zur Hühneraufzucht zu besuchen oder zu lernen, wie ich Gemüse in meinem Garten richtig anpflanzen und bewässern kann.“ Auch einen Brunnen wird es in ihrem Dorf bald geben. Soru Dechasa und ihre Nachbarn stehen noch am Anfang, aber sie spricht für eine ganze Region, wenn sie sagt: „Ich habe die Hoffnung, dass ich meinen Kindern ein besseres Leben bieten kann!“

Von Martina Hollauf, Menschen für Menschen

 

Über Menschen für Menschen

Menschen für Menschen wurde 1981 vom ehemaligen Schauspieler Karlheinz Böhm gegründet. Seit über dreißig Jahren leistet die Organisation „Hilfe zur Selbstentwicklung“ in Äthiopien. Über fünf Millionen Menschen in Gebieten mit einer Gesamtfläche von rund 55.000 km² – was etwa zwei Drittel der Fläche Österreichs entspricht – profitieren von der Arbeit der Organisation. Sechs der mittlerweile 15 Projektgebiete wurden bereits abgeschlossen und wieder zur Gänze in die Verantwortung der Bevölkerung übergeben. Die beiden Projektregionen Abune Ginde Beret und Ginde Beret werden ausschließlich von Spendern und Spenderinnen aus Österreich unterstützt.
www.menschenfuermenschen.at

Foto/Video: Menschen für Menschen

Was denkst Du darüber?

Schreibe einen Kommentar

Geschrieben von Redaktion

Direkte Demokratie EU

Direkte Demokratie: Europa am Scheideweg

Die große Transformation und wie wir die Welt retten werden