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Die Jugend von heute

Die Geschichte der zwei Mädchen, die Familie, Schule und Heimat aufgegeben haben, um sich in Syrien dem sogenannten heiligen Krieg anzuschließen, brach nicht nur eine nicht enden wollende Islamismus-Debatte vom Zaun. Auf der Suche nach Antworten geriet auch die Jugend ins Blickfeld der Medien. Perspektivlos seien sie, die jungen Leute, und deshalb (besonders) empfänglich für IS-Propaganda und Radikalisierungstendenzen. Was läuft also schief bei den Kids?

Generationskonflikt

„Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte.“
(Tontafel der Sumerer, ca. 3000 v.Chr.)

„Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“
(Sokrates)

„Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist
unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“
(Aristoteles)

“Die Welt macht schlimme Zeiten durch. Die jungen Leute von heute denken an nichts anderes als an sich selbst. Sie haben keine Ehrfurcht vor ihren Eltern oder dem Alter. Sie sind ungeduldig und unbeherrscht.” (Mönch Peter, 1274)

„Die Jugend lebt in moralischem Verfall, und das liegt hauptsächlich an ihren konsumorientierten Freizeitaktivitäten, an fehlendem elterlichen Interesse und Autorität und am Versagen der religiösen und moralischen Erziehung.“
(H.M. Sherwood, 1925)

„Werte wie Bescheidenheit und Nächstenliebe werden heute täglich der Lächerlichkeit preisgegeben. Unbescheidenheit und Eigennutz – das sind die zeitgemäßen Eigenschaften des modernen jungen Menschen.“ (B. Heinzelmaier, 2015)

„Zunächst einmal sollten wir festhalten, dass die meisten IS-Kämpfer keine Jugendlichen sind, sondern Erwachsene“, sagt Barnabas Bartl, der als Jugendarbeiter in Wien mit Jugendlichen Straßensozialarbeit macht. Die Aussage, dass unsere Gesellschaft in der Krise steckt, würde er sofort unterschreiben, man solle nur nicht den Fehler begehen, den Wahnwitz, der in Syrien passiert, den Kids umzuhängen. Dass die Jugend als Indikator für gesellschaftliche Missstände herhalten soll, ist kein neues Phänomen. Laut Anton-Proksch-Institut sind in Österreich 700.000 Menschen alkoholkrank, die mediale Debatte verläuft aber entlang der Schlagworte Komasaufen und Flatrate-Partys der Jugend.
Der Zustand der „Jugend von heute“ ist seit jeher von Interesse für die Allgemeinheit, selten schneidet sie dabei gut ab (siehe Kasten). Die tendenziell skandalisierende Berichterstattung in den Medien trägt das ihre dazu bei, dass wir uns mit einer Katastrophen-Generation herumschlagen müssen – schon wieder!

Keine Ideale, keine Illusionen?

Naturgemäß differenzierter fällt der Blick der Jugendforschung aus. Bernhard Heinzelmaier beschreibt in seinen Büchern eine pragmatische Generation, die sich keine großen Illusionen ob ihrer Zukunft macht. Die großen Ideale scheinen den Kids ebenso zu fehlen wie der Drang zu Aufbegehren und Revolution.
Tina Ring, die als Sozialarbeiterin in einer Jugendberatungsstelle in Tulln auch Eltern berät, teilt diese Einschätzung nur teilweise. Zwar bestätigt auch sie, dass sich die Jugendlichen keiner großen Illusionen ob ihrer beruflichen Möglichkeiten hingeben und bereit sind, jede Lehrstelle – Hauptsache Arbeit! – anzunehmen. „Aber, wenn ein lässiger Vater in Jeansjacke staunend vom Lateinlehrer-Outfit seines pubertären Sohnes berichtet, sehe sie darin nicht nur eine postmoderne Angepasstheit der heutigen Kids“, so Ring augenzwinkernd.

„Was machst du?“ – „AMS!“

Einigkeit herrscht bei der Frage, ob die prekäre Arbeitsmarktsituation der Jugend zusetzt. „Sie werden in den sogenannten unteren Gesellschaftsschichten kaum einen Jugendlichen finden, der gerne arbeitslos ist“, so Jugendarbeiter Bartl. Arbeitslos zu sein sei mit eingeschränkter Teilhabe an der Konsumgesellschaft – die gerade für aus sozio-ökonomisch schwachen Haushalten stammende Kids von großer Bedeutung ist – verbunden und führe zudem zu gesellschaftlicher Ächtung und familiären Spannungen. Ein eigenes Einkommen bedeutet für junge Menschen Autonomie und Ablösung vom Elternhaus. Diesen Entwicklungsschritt würden Kids, die jahrelang in AMS-Maßnahmen sitzen, nicht vollziehen können, der Frust sei entsprechend groß.

Jugend Arbeitslosigkeit
In den EU-28-Staaten waren im Februar 2015 4,850 Millionen Jugendliche unter 25 arbeitslos gemeldet. Abgebildet ist hier die Jugendarbeitslosen-Quote in Prozent. Quelle: EUSTAT März 2015, Saisonbereinigte Jugendarbeitslosigkeit (unter 25 Jahren)

Im Februar 2015 waren in der EU28 4,850 Millionen Personen im Alter unter 25 Jahren arbeitslos, davon 3,245 Millionen im Euroraum. Gegenüber Februar 2014 fiel deren Zahl in der EU28 um 494 000 und im Euroraum um 230 000. Im Februar 2015 lag die Jugendarbeitslosenquote in der EU28 bei 21,1 Prozent und im Euroraum bei 22,9 Prozent, gegenüber 22,9 Prozent bzw. 24,0 Prozent im Februar 2014. Die niedrigsten Quoten im Februar 2015 verzeichneten Deutschland (7,2 Prozent), Österreich (9,0 Prozent) und Dänemark (10,2 Prozent). Die höchsten Quoten registrierten Griechenland (51,2 Prozent im Dezember 2014), Spanien (50,7 Prozent), Kroatien (46,4 Prozent im vierten Quartal 2014) und Italien (42,6 Prozent).

Im Euroraum (ER19) lag die saisonbereinigte, gesamte Arbeitslosenquote im Februar 2015 bei 11,3 Prozent, Dies ist die niedrigste Quote, die seit Mai 2012 im Euroraum verzeichnet wurde.

Definition Jugendarbeitslosenquote
Die Jugendarbeitslosenquote drückt die Zahl der arbeitslosen 15- bis 24-Jährigen als Anteil der Erwerbspersonen der gleichen Altersklasse aus. Folglich zeigt die Jugendarbeitslosenquote nicht den Prozentsatz der arbeitslosen Personen an der Gesamtbevölkerung im Alter von 15-24 Jahren.

Versteckte Stärken entdecken

Den Zugang der Jugendarbeit beschreibt Bartl so: „Einen passenden Job, der manchmal sogar Spaß machen darf, zu finden, sei in vielen Fällen eine wirkmächtige Möglichkeit, das eigene Leben zu meistern“. Nur stehe aufgrund der Arbeitsmarktsituation diese Möglichkeit immer weniger Jugendlichen offen. Der Ansatz der Jugendarbeit ist es also, versteckte Stärken der Kids zu entdecken beziehungsweise zu fördern, um ihre Handlungsspielräume zu erweitern. Ziel sei es auch, Jugendliche dabei zu unterstützen, ihre individuellen Lebensentwürfe zu verwirklichen. „Und dabei reden wir jetzt noch lange nicht von einem Selbstverwirklichungsjahr in Indien“, so Bartl.

Jugend: Unbescheidenheit und Eigennutz?

Düster ist der Befund des Jugendforschers Heinzelmaier in Sachen Selfie-Generation, die von hemmungsloser Selbstliebe geprägt ist. Doch die Aussage, dass heute Unterordnung belohnt und Rebellion bestraft wird, lässt sich wohl problemlos in jedes Zeitalter übertragen. Den Selfie-Trend – nämlich dass moderne junge Menschen ungerührt vom Elend der Verlierer der Wettbewerbsgesellschaft ihren persönlichen Vorteil suchen – als Phänomen der heutigen Jugend zu bezeichnen, hält Jugendarbeiterin Ring für grundfalsch. „Der ehemalige Innenminister, der mit seiner Bestechlichkeit als EU-Parlamentarier aktiv geworben hat, gehört der Nachkriegsgeneration an. Und der ehemalige Finanzminister, der Briefkastenfirmen und gewagte Steuerkonstrukte als normalste Sache der Welt ansieht, stammt aus der Wirtschaftswundergeneration. Lassen wir also die Kirche im Dorf und betrachten Selfies als Fotos im Social-Media-Bereich.“ Dort ist der Selfie-Trend bei den Kids von heute schon wieder Schnee von gestern.

Jugendarbeit

In Österreich haben sich in den letzten Jahren vielfältige Einrichtungen Offener Jugendarbeit etabliert, angeboten werden u.a. Jugendzentren- und treffs, Mobile Jugendarbeit und Streetwork. JugendarbeiterInnen setzen sich parteilich für die Interessen der Jugend ein, Freiräume für Jugendliche sollen geschaffen bzw. bewahrt werden.

Zu den Besonderheiten der Offenen Jugendarbeit gehört der ressourcenorientierte Zugang, individuelle Stärken sollen entdeckt bzw. gefördert werden. Jugendlichen wird auf Augenhöhe und mit Vertrauensvorschuss begegnet. Nicht mit Verboten, sondern mit Zutrauen und Unterstützung bei eigenen Vorhaben werden Selbstwert und Selbsteinschätzung gefördert.

In der Offenen Jugendarbeit sind hauptsächlich SozialarbeiteInnen, aber auch ProfessionistInnen aus anderen psychosozialen Berufen tätig. Diese bieten sich mit ihrer Persönlichkeit als Ansprechpersonen, Wegbegleiter und Reibefläche für die Kids an.

Autor: Markus Tobolka

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