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Kampf ums Klima

Noch immer gibt es Bremser beim heimischen Klimaschutz. Und auch unter den Wirtschaftssektoren droht ein Tauziehen: Wer darf künftig noch CO2 emittieren? Eine Lösung steht jedenfalls fest: der Co2-freie Gebäudebereich dank Energieeffizienz mit Passivhaus & Co sowie erneuerbare Energie im Gebäudebereich.

kampf ums klima

„Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird jede noch so überzeugende Analyse zum Klimawandel und ihren Ursachen gezielt in Zweifel gezogen; jeder Versuch, ambitionierte und den Notwendigkeiten angemessene Maßnahmenprogramme zu entwickeln, wird durch eine ungewohnte Allianz aus extrem wirtschaftsliberaler Grundhaltung (Wachstum! Wachstum! Wachstum!) samt Nebengeräuschen (Weg mit den Reglementierungen!) und sozialpolitisch argumentierter Klientelpolitik „für den sogenannten kleinen Mann“ (Wir nicht – die anderen sind schuld!) samt gezielter Angstmache (Ausländer! Sozialschmarotzer!) torpediert und auf gut österreichisch: abgeschossen, bevor es noch ernsthaft diskutiert wurde“, ist Robert Lechner von der Österreichischen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen ÖGNB „angefressen“.

„Große Teile der Bauwirtschaft sind an Energieeffizienz und Klimaschutz nicht interessiert.“
Robert Lechner, ÖGNB

Nur zehn Prozent CO2 zu emittieren

Machen wir uns nichts vor: Der Klimawandel findet statt. Der Schaden ist längst angerichtet. Jetzt geht es um eine existenzielle Schadensbegrenzung. Und darum, ob in gar nicht so ferner Zukunft noch qualitatives Leben auf der Erde möglich ist. Absurd, wenn das im Jahr 2016 noch negiert wird.
Fest steht: Nur wenn wir die beim Klimaabkommen von Paris 2015 vereinbarten Klimaschutzziele ernst nehmen, kann die fortschreitende Erderwärmung bei +1,5 bzw. +2 Grad Celsius gestoppt, und die schlimmsten Folgeschäden verhindert werden. Für Österreich bedeutet das: Im Jahr 2050 dürfen wir insgesamt nur noch etwa zehn Prozent der CO2-Emissionen aus dem Jahr 1990 emittieren, rund acht Millionen Tonnen CO2-Äquivalent. Das ist nicht viel. Die aktuelle CO2-Bilanz ergibt laut Prognose des Umweltbundesamtes für das Jahr 2015 knapp 78,8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, Österreich ist damit am selben Stand wie vor 25 Jahren.

Kampf der Sektoren

„Die wichtigste Frage lautet – aus heutiger Perspektive – nicht: Wie schaffen wir das? Die wichtigste Frage lautet: Was machen wir mit unseren acht Millionen Tonnen CO2 im Jahr 2050?“, bringt Lechner es auf den Punkt. Längst hat das Tauziehen der Lobbyisten begonnen, was wohl auch erklärt, warum es noch keine heimische Klimastrategie in Hinblick auf das Klimaabkommen von Paris gibt. Welcher volkswirtschaftliche Sektor soll künftig noch CO2 „rausblasen“ dürfen? Wo liegen unsere Prioritäten?
Die Antworten liegen eigentlich auf der Hand: Auch in Zukunft sind wir auf Nahrungsmittel angewiesen, womit die Land- und Viehwirtschaft großteils aus dem Schneider wäre. Und auch die Faktoren Arbeit und Produktion sind unumgänglich.
Das wars dann aber auch schon mit dem CO2. Was bedeutet: Keinerlei Emissionen mehr im Verkehr, in der Abfallwirtschaft, … – und ganz besonders nicht im Gebäudesektor.

Einfachster Hebel Gebäude

Was uns zur nächsten Frage bringt: In welchen Bereichen lassen sich realistisch betrachtet denn die CO2-Emissionen vermeiden? Natürlich muss die Industrie noch ordentlich schrauben. Ganz werden sich Emissionen aber wahrscheinlich nie vermeiden lassen. Ebenso wenig wie in der Landwirtschaft, deren Emissionen schon über Vergärungsprozesse natürlichen Ursprungs sind. Und ganz klar, der Umstieg auf E-Mobilität bleibt nicht erspart – und wird langwierig genug. Ein Bereich, der längst über die technologischen Lösungen verfügt, bietet sich aber besonders für den CO2-Verzicht an: der Gebäudesektor.
Im Bereich der Haushalte stellt die Raumwärme mit rund zwei Dritteln des heimischen Endenergieverbrauchs die höchste Energienutzung dar. Um die Klimaziele Österreichs erreichen zu können, braucht es – und da sind sich alle heimischen Experten wissenschaftlichen Hintergrunds einig – Maßnahmen zur Energieeffizienz und einen raschen Schwenk hin zu erneuerbaren Energieträgern für die Raumwärme.

Lösungen Passivhaus & Co

Die Lösungen sind längst da: Von Passivhaus über Sonnenhaus bis zum Plusenergiehaus gibt es für jeden Geschmack ein Gebäudekonzept. Zur thermischen Dämmung stehen über 20 Materialien zu Verfügung – auch nachwachsende. Und auch zum Heizen gibt es inzwischen zahlreiche erneuerbare Alternativen zu den fossilen Energieträgern. „Alleine durch Neubauten zwischen 2016-2020 würde der zusätzliche Primärenergiebedarf gemäß dem Nationalen Plan 5.483 GWh betragen. Dies würde 43 Prozent der gesamten Wärmeproduktion aller thermischen Kraftwerke und Fernwärme entsprechen. Dieser Anstieg des Energiebedarfs könnte im Passivhaus-Standard um 3.570 GWh reduziert und die Energiekosten um 200 Millionen Euro jährlich gesenkt werden. Damit wäre für rund 600.000 künftige Bewohner nachhaltig leistbares Wohnen dauerhaft gesichert“, stellt dazu Günter Lang von Passivhaus Austria klar.

Widerstand der konservativen Branche

Doch die heimische Klimapolitik ist weiterhin von Stillstand und Rückschritten geprägt. Erst heuer wurden die Mittel des sogenannten Sanierungsscheck abermals gekürzt – von 132,4 Millionen Euro im Jahr 2013 auf 43,5 Millionen (2016). Trotz belegt einhergehender Wirtschaftsimpulse und bei unter einem Prozent stagnierender Sanierungsquote. Letzteres bedeutet, dass es 70 bis 100 Jahre dauert bis der Gebäude-Altbestand in Österreich thermisch saniert ist.
Heftig zu kritisieren sind auch die Rahmenbedingungen der Wohnbauförderung: Die Zweckbindung der Wohnbaumittel ist bereits vor Jahren zu Grabe getragen worden, unter dem Argument des leistbaren Wohnens verabschieden sich die Länder zusehends von ökologischen Kriterien.
Dass die Bau- und Immobilienwirtschaft als eine der wenigen Branchen floriert und die Wirtschaftskrise etwas abfedert, erschwert die Diskussion. Viel erschwerender jedoch wirken sich eine konservative Haltung gegenüber nachhaltiger Technologie und der dieser Branche besonders anhaftender Leidenschaft für Gewinnmaximierung aus. Lechner: „Hören wir auf, uns gegenseitig etwas vorzumachen. Große Teile der Bauwirtschaft sind an Energieeffizienz und Klimaschutz nicht interessiert. Sie finden die daraus erwachsenden Konsequenzen lästig. Und genau diese Akteursgemeinschaft betreibt seit einigen Jahren gezielt eine Politik der Desinformation, des Aufweichens bereits vorhandener Standards und des Verhinderns neuer Initiativen im Klimaschutz für die Bauwirtschaft.“

„Angesichts der Ergebnisse dieser Initialstudie scheint die These von der „steigenden Energieeffizienz als natürlicher Feind des kostengünstigen Bauens“ nicht haltbar zu sein.“

Wirtschaftliche Grenzen

Abseits der Akteure der Bauwirtschaft, die sich jeglichem Fortschritt in Sachen Ökologie verweigern, wird vor allem ein Hauptargument immer wieder vorgebracht: Ökologisches und energieeffizientes Bauen würde sich wirtschaftlich nicht rechnen. Dazu Folgendes: Freilich gibt es eine wirtschaftliche Grenze, bis zu der sich solcherlei Maßnahmen an einem Gebäude über den Lebenszyklus auszahlen. Inzwischen haben aber viele Studien, Untersuchungen und natürlich auch zahlreiche Bauprojekte bewiesen, dass sich auch ein Passivhaus zu den Kosten eines konventionellen Gebäudes errichten lässt, oder sich zumindest geringe Mehrkosten über laufende Einsparungen der Energiekosten mittel- und langfristig rechnen. Viel entscheidender ist es jedoch einen Baumeister zu finden, der zu fairen Konditionen baut: Alleine die Baukostenunterschiede in den Bundesländern können bis zu 50 Prozent betragen.
Eine deutsche Studie des Ecofys Institutes hat zudem festgestellt, dass alle wesentlichen Bauteile für Energieeffizienz in den letzten Jahren deutlich günstiger geworden sind. Das Studien-Fazit: „Angesichts der Ergebnisse dieser Initialstudie scheint die These von der „steigenden Energieeffizienz als natürlicher Feind des kostengünstigen Bauens“ nicht haltbar zu sein.“

Foto/Video: Shutterstock

Geschrieben von Helmut Melzer

Als langjähriger Journalist habe ich mir lange die Frage gestellt, was denn aus journalistischer Sicht tatsächlich Sinn machen würde. Meine Antwort darauf siehst Du hier: Option. Auf idealistische Weise Alternativen aufzeigen – für positive Entwicklungen unserer Gesellschaft. Im April 2014 erschien das Option Printmagazin (und Option Online) erstmals, und gibt es heute noch – trotz aller Herausforderungen. Im Mai 2018 startete Option als Soziales Netzwerk.

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1 Kommentar

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  1. Auch wenn der Antrag recht umfassend ist, war ich froh über die Sanierungsförderung. Wenn man sich mal durch die Bürokratie geackert hat, ist sie ein super Anreiz. Ich kann nur jedem raten, die Förderungen zu beanspruchen, solange es sie noch gibt.

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