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Kosmetik: Pflege oder Körperverletzung?

Pionier Willi Luger hat in den 1990er Jahren das Naturkosmetik-Unternehmen CULUMNATURA gegründet. Im Interview erklärt er, was in der Branche falsch läuft und lässt kein gutes Haar an Industrie und Fachverbänden.

Kosmetik Culumnatura Willi Luger
Kosmetik Culumnatura Willi Luger

„In der Kosmetikbranche ist es die Industrie, die den Ton angibt.“
Willi Luger, CULUMNATURA

Option: Herr Luger, was läuft falsch in der Kosmetikbranche?
Willi Luger: Die Kosmetikindustrie hat bei der Gesetzgebung darauf hingearbeitet, dass die im Chemikalienbereich geltenden Entsorgungs- und Gefahrenhinweise nicht angegeben werden müssen. Bei technischen Produkten, wie z.B. einer Wandfarbe, müssen Hinweise zur Anwendung und Entsorgung, so wie Gefahrenhinweise angebracht werden. Das ist bei Kosmetik – jedenfalls bei Produkten für Friseure – nicht so, obwohl teils sehr kritische Stoffe enthalten sind. Das wird einfach unter Pflege verkauft. Es ist doch absurd, wenn man sich wie es bei uns Friseuren ist, vor sogenannten Pflegeprodukten mit Handschuhen schützen muss. Die Inhaltsangaben (INCI) sind für die Masse der Endverbraucher unverständlich in Latein oder mit englischen Fachbezeichnungen geschrieben. Bei einigen Produkten werden mittlerweile die Zutaten auch in einem deutschen Block extra angeführt, zählt man aber die Menge der angegebenen Stoffe und vergleicht INCI mit deutsch, kommt es immer wieder vor, dass im deutschen Absatz zwei bis drei Inhaltsstoffe nicht entsprechend aufgelistet sind. Meist gerade die, wo der Endverbraucher erkennen kann, dass sie eher belastend als pflegend wirken. In der Inhaltsdeklaration wird grundsätzlich jeder Inhaltsstoff abfallend aufgelistet. Das bedeutet, dass jene Inhalte, von denen am Meisten enthalten sind, ganz vorne stehen müssen. Wenn aber mehrere Zutaten mit weniger als jeweils ein Prozent der Gesamtmenge enthalten sind, dann können diese Inhaltsstoffe untereinander verschoben werden. So landen natürlich klingende Zutaten, wie Aloe Vera und Co. ganz vorne und erwecken den Eindruck, zu einem großen Teil enthalten zu sein, obwohl dem nicht so ist.

Option: Wie kann das sein? Ist der Konsumentenschutz zu schwach?
Luger: Ja, definitiv. In der Kosmetikbranche ist es die Industrie, die den Ton angibt. Und die Vertreter der Friseurbranche machen mit. In der Lebensmittelbranche ist es zum Teil nicht anders. Es sind Großkonzerne, die durch ihre Lobbyarbeit versuchen, die Gesetzgebung in ihrem Sinne zu beeinflussen.. In der Textilbranche sind einige gefährliche Inhaltsstoffe mittlerweile verboten, welche z.B. in der Kosmetik speziell in diversen Haarfarben noch erlaubt sind. Für Friseure gibt es keine Lobbyisten und es wird letztendlich alles so übernommen wie es uns die Industrie „verkauft“.

Option: Von welchen gefährlichen Inhaltsstoffen ist hier die Rede?
Luger: Das sind zahlreiche kritische Stoffe. Aber ein höchst gefährlicher Stoff ist zum Beispiel Phenylendiamin. Ein höchst allergener Stoff, der in Deutschland schon 1906 verboten, 1985 seitens der EU aber wieder zugelassen wurde. Das ist ein Farbverstärker, der auch in Textilien oder zum Beispiel in Autoreifen zu finden ist. In der Kosmetik ist er in dunklen Haarfarben zu finden. 2009 starb in England ein Teenager nachgewiesener Maßen an einem allergenen Schock durch Phenylendiamin. Seitdem ist das Haarefärben mit solchen Farben für unter 16-Jährige verboten. Aber der Inhaltsstoff bleibt weiter in den Produkten. Alle wissen über diese Problematik Bescheid, Krankenkassen, Innungen, Berufsverbände. Keiner wehrt sich. Für mich persönlich ist das faktisch eine Körperverletzung. Seit einiger Zeit ist es Trend Produkte ohne Ammoniak zu produzieren. Dabei ist das ein relativ harmloser Stoff um Haare aufquellen zu lassen. Stattdessen kommt jetzt Ethanolamin zum Einsatz, das auch als Ersatz für Natronlauge in Backofenreiniger enthalten sein kann und schon ab 20 Grad Celsius die Luft kontaminiert und vom Anwender inhaliert wird.
Option: Machen die Konsumenten nicht wenigstens etwas Druck?
Luger: Doch schon, und das ist auch gut so. Zumindest beweisen manche neuen Produkte, dass es anders geht, und die Statistiken, dass die Nachfrage nach Naturprodukten deutlich steigt. Der Naturkosmetik-Markt in Deutschland etwa ist 2017 überproportional mit 5,1 Prozent im Umsatz gewachsen und hat so seinen Marktanteil auf knapp zehn Prozent ausgebaut. Die Konsumenten greifen bei Naturkosmetikprodukten immer öfter zu. Die klassische Kosmetik hingegen hat ein Minus von 0,4 Prozent hinnehmen müssen. Im Jahr 2017 konnte die Naturkosmetik alleine in Deutschland 800.000 neue Käufer gewinnen. Die Käuferreichweite steigert sich seit zehn Jahren.

Option: Sie gelten auch als Gemeinwohl-Ökonomie-Pionier. Wie äußert sich das?
Luger: Einerseits durch faire Arbeitsbedingungen für alle Mitarbeiter. Das Wohl unserer Mitarbeiter ist mir ein wichtiges Anliegen, das sich durch eine ansprechende Arbeitsumgebung ebenso äußert, wie durch Gleitzeit und diverse Mitarbeiterprogramme. Ich selbst kann es mir nicht vorstellen, jeden Tag zur Arbeit zu gehen, wenn ich daran keine Freude habe. Genauso sollen unsere Mitarbeiter mit Freude zur Arbeit gehen. Wir versuchen auch alle Rohstoffe möglichst fair und wenn möglich regional einzukaufen. Andererseits haben wir auch stets im Umgang mit Kunden einen vielleicht ungewöhnlichen Ansatz vertreten: Bei uns zahlen alle Kunden gleich viel. Es gibt keine Mengenrabatte, die ja vor allem großen Unternehmen zu Gute kommen. Ich bin mit dieser Strategie zwar nicht immer gut angekommen – gerade bei großen Ketten, die durchaus Interesse an unseren Produkten zeigen.

Option: Vor welchen Herausforderungen stehen nachhaltige Betrieb noch?
Luger: Wir produzieren nicht in solchen gewaltigen Mengen wie konventionelle Hersteller. Nicht zuletzt deshalb, weil wir keine Konservierungsstoffe einsetzen. Das macht die Produktion teurer und die Dokumentationspflicht sehr aufwendig. Außerdem war es gerade am Anfang schwer, einen Lohnhersteller zu finden, der unsere Ansprüche erfüllen konnte. Es bleibt eine Herausforderung, Konsumenten, Kosmetiker Friseure und Endverbraucher aufzuklären. Da eine konsequente Naturkosmetik, wie wir sie anbieten, eine ganz andere Wirkungsweise hat, ist es in der Umstellungsphase von Chemie auf Natur, notwendig den Endverbraucher gut zu beraten. Daher werden unsere Produkte ausschließlich im Fachbereich und nur nach Schulung abgegeben. Das schreckt zwar Manche ab, aber dafür können wir für die Qualität unseres Angebots einstehen.

CULUMNATURA ist ein österreichisches Unternehmen mit Sitz in Ernstbrunn, nahe Wien. Bereits seit 1996 vermittelt CULUMNATURA ganzheitliche Kompetenz rund um Haut und Haar. Ein wesentlicher Aspekt des Wirkens liegt in der Bewusstmachung für die hohe Qualität reiner Naturkosmetik in der Friseurbranche.
www.culumnatura.com

Foto/Video: Culumnatura

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Mitglied

Geschrieben von Karin Bornett

Bloggerin in der Option-Community, freie Journalistin und Texterin. Technikaffines Labradorfrauchen mit großem Interesse an Innovation und Nachhaltigkeit, Gefallen für Dorfidylle und Faible für urbane Kultur.

www.karinbornett.at

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