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Nachhaltiges Bauen: die Mythen aufgeklärt

Trotz einiger hartnäckiger Skeptiker herrscht inzwischen weltweite Einigkeit in der Forschung: 11.944 internationale Studien aus den Jahren 1991 bis 2011 wurden von einem Wissenschafts­-Team um John Cook analysiert, das Ergebnis im Rahmen der „Environmental Research Letters“ präsentiert: Insgesamt 97,1 Prozent der Untersuchungen, die sich dazu äußern, stellen fest, dass der Mensch den Klimawandel verursacht. Dass der Klimawandel stattfindet, darüber besteht übrigens längst keinerlei Zweifel. Aktuelle Umfragen belegen zudem, dass der Klimawandel auch in den Köpfen der Österreicher angekommen ist: Rund 45 Prozent sorgen sich um das Klima (Statista, 2015), 63 Prozent meinen sogar, es sollte mehr gegen den Klimawandel unternommen werden (IMAS, 2014). Die Folgen: Laut Klimawandel-­Sachstandbericht des Austrian Panel on Climate Change (APCC, 2014) ist bis Ende des Jahrhunderts mit einem Temperaturanstieg von mindestens 3,5 Grad Celsius zu rechnen – mit enormen ökologischen und ökonomischen Auswirkungen.

Unbestritten ist ebenfalls, dass Gebäude zentrale Verursacher von Treibhausgasen und daher auch des Klimawandel sind. Rund 40 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs gehen auf das Konto des Gebäudesektors, der damit auch das größte CO2- und Energie-Einsparungspotential ausmacht. Österreich und die EU haben daher zahlreiche Maßnahmen ergriffen, die dem Klimawandel entgegenwirken sollen. Das Ziel ist die Transformation zu einer emissionsarmen, energiesparenden Gesellschaft.

Nachhaltiges Bauen – die Mythen:

Mythos 1 – Energieeffizienz bringts nicht – oder doch?

Dass nachhaltiges, energieeffizientes Bauen und Sanieren, insbesondere Wärmedämmung, bei Gebäuden wirkt und wie das geschieht, ist schon vor einigen Jahrzehnten an bauphysikalischen Instituten genau berechnet und gemessen worden. Auch alle seriösen Studien und Untersuchungen an bestehenden Gebäuden sowie tausende energieeffiziente Gebäude belegen das.
Aber wird die geplante, errechnete Energieeinsparung auch in der Praxis erreicht? – Diese Frage stellte sich unter anderem eine Studie der deutschen Energieagentur dena 2013, die die Daten von insgesamt 63 thermisch sanierten Gebäuden über mehrere Jahre hinweg untersuchte. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Mit einem berechneten Endenergieverbrauch von 223 kWh/(m2a) im Mittel vor der Sanierung und einem prognostizierten Bedarf von 45 kWh/(m2a) im Mittel nach der Sanierung wurde eine Energieeinsparung von 80 Prozent angestrebt. Nach der tatsächlichen Sanierung wurden schließlich im Mittel ein Energieverbrauchskennwert von 54 kWh/(m2a) und eine durchschnittliche Energieersparnis von 76 Prozent erreicht.
Negativ beeinflusst wurde das Ergebnis vor allem durch wenige Einzelfälle, die das Sanierungsziel deutlich verfehlten. Das kommt leider auch vor: Erste Voraussetzung für das Funktionieren von energieeffizienten Maßnahmen bei Neubau wie bei Sanierung ist eine fachlich korrekte Umsetzung. Immer wieder kommt es jedoch bei der Ausführung zu Fehlern, die dazu führen, dass der Einspareffekt geringer ist, als prognostiziert. Ebenfalls negativ auf die erwartete Energieeffizienz kann sich das Nutzerverhalten auswirken. Alte Gewohnheiten, wie etwa langes Lüften oder das Abschalten der Wohnraumlüftung, wirken sich kontraproduktiv aus und müssen erst abgelegt werden.

Im Durchschnitt ist die Sanierung fast immer so energieeffizient wie geplant: Die Linie markiert das 100prozentige Erreichen, alle Projekte oberhalb der Linie sind besser, bei allen darunter konnte das Ziel nicht erreicht werden.
Im Durchschnitt ist die Sanierung fast immer so energieeffizient wie geplant: Die Linie markiert das 100-prozentige Erreichen, alle Projekte oberhalb der Linie sind besser, bei allen darunter konnte das Ziel nicht erreicht werden.

Mythos 2 – Energieeffizienz rechnet sich nicht – oder doch?

Die Frage, ob sich die Mehrkosten für nachhaltiges Bauen und Sanieren auch finanziell rechnen, ist ebenfalls mehrfach durch Studien und Untersuchungen positiv beantwortet. Ganz besonders gilt es hier die Lebensdauer eines Gebäudes sowie die Entwicklung der Energiekosten zu berücksichtigen.
Grundsätzlich sind alle Maßnahmen bis zu einem gewissen Grad wirtschaftlich, in welchem Ausmaß entscheiden aber die Rahmenbedingungen und umgesetzten Maßnahmen. Ganz besonders rechnet sich etwa eine Wärmedämmung eines alten Hauses, dessen Fassade sowieso saniert werden müsste.
Pauschale Aussagen zur Wirtschaftlichkeit sind jedoch mit Vorsicht zu betrachten, da die Bedingungen – Höhe der Investition, Bauweise bzw. Bausubstanz, Heizungsart etc – nicht miteinander vergleichbar und künftige Energiepreise schwer zu erraten sind. Abseits des ökologischen Faktors sind aber auch Aspekte wie Wertsteigerung der Immobilie und deutlich gesteigertes Wohlbefinden von klarem Vorteil.

Ein rein rechnerisches Beispiel für die Wirtschaftlichkeit der Sanierung zu einem Niedriegenergiehaus. Als Beispiel diente ein Einfamilienhaus aus der Gebäudealtersklasse 1968 bis 1979 (in Klammer der Schwankungsbereich).
Ein rein rechnerisches Beispiel für die Wirtschaftlichkeit der Sanierung zu einem Niedriegenergiehaus. Als Beispiel diente ein Einfamilienhaus aus der Gebäudealtersklasse 1968 bis 1979 (in Klammer der Schwankungsbereich).

Mythos 3 – Dämmung führt zu Schimmel – oder doch nicht?

Richtig ist, dass in allen Nutzgebäuden, egal ob gedämmt oder nicht gedämmt, Feuchtigkeit entsteht, die auf irgendeine Weise nach draußen gelangen muss. Schimmel bildet sich auch in Neubauten, die nach der Errichtung noch nicht vollständig ausgetrocknet sind, und ganz besonders bei sanierungsbedürftigen Gebäuden. Eine äußere Wärmedämmung – eine fachgerechte Planung und Durchführung der baulichen Maßnahmen vorausgesetzt – verringert die Wärmeverluste nach außen sehr stark und erhöht so die Oberflächentemperaturen der inneren Wände. Damit reduziert sie das Risiko der Schimmelbildung erheblich. Häufig ist Schimmelbildung auch auf das Nutzerverhalten zurückzuführen: Besonders bei neuen, dichteren Fenstern gilt es den Luftfeuchtegehalt zu beobachten und entsprechend zu lüften bzw. eine vorhandene Wohnraumlüftung zu nutzen.

Mythos 4 – Dämmen ist krebserregend – oder doch nicht?

Radonbelastung und ein damit verbundenes Krebsrisiko werden des öfteren der Dämmung zugeschrieben. Richtig ist jedoch, dass die radioaktive Strahlung durch das Edelgas Radon (Messeinheit Bequerel Bq) nicht durch Dämmung verursacht wird, sondern aufgrund natürlicher Vorkommen aus dem Erdboden in die Luft entweicht.
Radonkonzentrationen werden jedoch auch in geschlossenen Gebäuden beobachtet, da sich das Gas hier anreichern kann. Schon vermehrtes Lüften des Raumes bzw. eine Wohnraumlüftung bringt im Normalfall eine ausreichende Wirkung.
Schutz kann etwa ein Abdichten des Kellers gegen die Erde sowie die entsprechendenWohnräume bieten.
Einen gute Überblick bietet die Radonkarte.

Mythos 5 – Dämmstoffe sind der Sondermüll der Zukunft – oder nicht?

Insbesondere Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) werden hinsichtlich Lebensdauer und Entsorgung manchmal skeptisch beäugt. Ihre Haltbarkeit wird inzwischen auf rund 50 Jahre geschätzt: Erste WDVS wurden 1957 in Berlin verlegt und sind noch immer funktionstüchtig. Trotzdem ist klar, dass Wärmedämmung nach einigen Jahrzehnten ersetzt werden muss. Im Idealfall wäre Dämmung einer Wiederverwendung, oder wenigstens dem Recycling zuzuführen.
Eine Wiederverwendung ist zumindest bei WDVS aufgrund der Klebung an die Fassade nach heutigem Stand der Technik nicht möglich. Auch wenn es erste Überlegungen zu WDVS mit eingebauten Sollbruchstellen gibt, die einen Rückbau erleichtern würden, so führt eine Demontage trotzdem in jedem Fall zu einer weitgehenden Zerstörung des Materials. Einige Unternehmen feilen aber bereits an Lösungen etwa unter Anwendung von Fräsen. Bei anderem Material wie Schüttdämmstoffen ist ein Rückbau bis zu 100 Prozent zur Wiederverwendung möglich.
Das Recycling von Dämmstoffen stellt kein technisches Problem dar, wird in der Praxis aber noch selten angewendet. Beispielsweise kann der Verschnitt bei der Montage plattenförmiger Materialien aus Hartschaum problemlos zerkleinert werden und das entstehende Granulat für die weitere Verwendung genutzt werden. Bei EPS können beispielsweise bis zu acht Prozent recycelten EPS der Produktion zugeführt werden. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit der Verwendung von losem Granulat als Ausgleichschüttung. Neben den angesprochenen stofflichen Verwertungsmöglichkeiten besteht prinzipiell auch die Möglichkeit einer Rückgewinnung der eingesetzten Rohstoffe. Sind alle Möglichkeiten erschöpft, ist als letzter Schritt auch eine thermische Verwertung möglich.

Mythos 6 – Dämmstoffe enthalten Öl und sind umweltschädlich?

Die Beantwortung dieser Frage liegt in der Energie- und Umweltbilanz (Grafik). Je nach Dämmmaterial und Dämmeffizienz fallen diese unterschiedlich aus. Die Frage, ob sich der Einsatz von Dämmen ökologisch lohnt, kann aber klar bejaht werden. So hat das Karlsruher Institut für Technologie die Ressourcen-Inanspruchnahme von Dämmstoffen über den gesamten Lebenszyklus und die positive Auswirkung auf die Umwelt gegenüber gestellt.
Das Fazit: Die energetische und ökologische Amortisationszeit eines Einsatzes von Dämmstoffen liegt deutlich unter zwei Jahren, eine Wärmedämmung ist aus Sicht einer Primärenergie- und Klimagasbilanz sehr sinnvoll. Sprich: Nicht zu dämmen ist umweltschädlich.

Öko- und Energiebilanz Eine Berechnung einer EPS-Dämmung in Hinblick auf Öko- und Energiebilanz, wann sich eine Dämmung gegenüber dem CO2- und Energieverbrauch bei der Herstellung rechnet Links finden Sie die Einstufung der Wärmedämmung nach Dämmeffizienz, U-Wert und Dämmstärke in Metern. Daraus ergibt sich ein entsprechendes Einsparungspotential bei CO2 und Energie. Dem gegenüber stehen die Traubhausgase sowie der Energiebedarf, der für die Herstellung des gleichen Dämmmaterials entsteht beziehungsweise aufgewendet wird.
Öko- und Energiebilanz
Eine Berechnung einer EPS-Dämmung in Hinblick auf Öko- und Energiebilanz, wann sich eine Dämmung gegenüber dem CO2- und Energieverbrauch bei der Herstellung rechnet
Links finden Sie die Einstufung der Wärmedämmung nach Dämmeffizienz, U-Wert und Dämmstärke in Metern. Daraus ergibt sich ein entsprechendes Einsparungspotential bei CO2 und Energie. Dem gegenüber stehen die Traubhausgase sowie der Energiebedarf, der für die Herstellung des gleichen Dämmmaterials entsteht beziehungsweise aufgewendet wird.

Foto/Video: Shutterstock

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1 Kommentar

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  1. Ergänzend zu Mythos 5:
    Hartschaumplatten früherer Generationen wurden oft mit dem klimaschädlichen HFKW (vor 1995 mit FCKW) geschäumt – alte Platten dürfen daher nicht einfach zerkleinert werden.
    Nach Interpretation der derzeit geltenden Gesetzeslage in Österreich, sind alle FCKW- oder
    HFCKW-geschäumten XPS- und PU-Dämmungen, die bei Abbruch, Sanierung oder Rückbau
    als Abfall anfallen, als gefährlich einzustufen.

    Das lose EPS-Granulat wird heutzutage zumeist als gebundene Ausgleichsschüttung, also mit Zement vermischt, eingesetzt. Damit ist aber eine Wiederverwendung und auch eine thermische Verwertung deutlich erschwert, wenn nicht unmöglich.

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Geschrieben von Helmut Melzer

Als langjähriger Journalist habe ich mir lange die Frage gestellt, was denn aus journalistischer Sicht tatsächlich Sinn machen würde. Meine Antwort darauf siehst Du hier: Option. Auf idealistische Weise Alternativen aufzeigen – für positive Entwicklungen unserer Gesellschaft.

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