Ökourlaub
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Ökourlaub: Wo die Welt heil bleibt

Tourismus bewegt die Massen. Trotzdem ist Ökourlaub eine Randnotiz – umso erstaunlicher, als die Branche teils vom Erlebniswert ihrer Landschaften lebt.

Jeder Urlaub beginnt mit der Anreise. Der ökobewusste Gast kommt mit den Öffis, idealerweise mit der Bahn – das macht eine schlanke CO2-Bilanz. Das wird er freilich nur tun, wenn er vor Ort die Möglichkeit hat, bequem und ohne lange Wartezeiten herumzukommen.

In Werfenweng hat man das bereits vor mehr als 20 Jahren erkannt, Bürgermeister Peter Brandauer: „Damals gingen die Gästezahlen zurück und 1994 erstellte man aufgrund dessen ein Ortsleitbild. Dabei entwickelte man die Idee, autofrei zu werden. Wie Zermatt etwa.“ Ganz so radikal ließ sich das zwar nicht umsetzen, aber man tastete sich Schritt für Schritt nach vorn, so Brandauer: „Bei uns braucht man das eigene Auto heute nicht mehr. Wir bieten E-Cityshuttledienste, bequeme Busverbindungen innerhalb der Region, Transfer für die An- und Abreise sowie Elektroautos, die für individuelle Ausflüge zu mieten sind.“ Gäste, die mit der Bahn anreisen, erhalten dazu die Samo-Card, die zum kostenlosen Bezug sämtlicher Mobilitätsleistungen berechtigt. Auch die gemeindeeigenen E-Fun-Sportgeräte, vom Segway bis zum Gladiatorenwagen, können damit gratis benutzt werden, der Strom dafür wird über eine Photovoltaik-Anlage generiert. „Auch die Einheimischen profitieren natürlich von unseren Samo-Leistungen“, will Brandauer weiter auf dem eingeschlagenen Weg bleiben. „Gerechnet hat es sich auf jeden Fall: Unser Tourismus hat mit der Umsetzung des sanften Mobilitätskonzepts so richtig und messbar Fahrt aufgenommen.“

Ökourlaub: 100 Prozent Bio

Beim Essen führt kein Weg an Bio vorbei. Doch obwohl es in Österreich vergleichsweise viele Biobauern gibt, ist es (noch) recht schwer, entsprechende Gastronomie zu finden. Um sich die momentan mühsame, oft frustrierende Suche zu ersparen, bucht man sich die Unterkunft inklusive Verpflegung also gleich im 100-Prozent-Bioquartier. Wählt man dazu etwa einen Betrieb, der das österreichische Umweltzeichen trägt, macht man garantiert nichts verkehrt. Ein Vorzeigehaus ist das Biohotel Rupertus im Salzburger Pinzgau. „Vom Frühstück bis zum abendlichen Cocktail sind bei uns in Küche und Bar ausschließlich Bioprodukte im Einsatz. Der Wunsch, ganz in Bio zu machen, wuchs bei uns über die Jahre. Mit jedem Lebensmittelskandal gingen wir einen Schritt in Richtung ehrlicher Produkte weiter“, sagt Rupertus-Chefin Nadja Blumenkamp. Soweit es geht, greift sie dabei auf lokale Ware zurück. „Kaffee und Reis muss ich importieren, Käse, Eier, Fleisch oder Gemüse hingegen kann ich direkt hier einkaufen“. Darüber hinaus orientiert man sich im Rupertus ganzheitlich: Der Strom kommt aus der eigenen PV-Anlage bzw. wird als Ökostrom zugekauft, geheizt wird mit Biomasse, der Müll umfassend getrennt und große Teile der Einrichtung tragen Ökoprüfsiegel. „Wir haben soeben unseren ökologischen Fußabdruck messen lassen. Der liegt bei 8,75 kg CO2 pro Person und Nacht – in konventionellen Häusern bewegt sich der zwischen 20 und 40 kg“, sagt Nadja Blumenkamp vom Biohotel Rupertus nicht ohne Stolz.

Echtes Erleben

Wandern und Biken im Sommer, Skifahren im Winter. Mit dieser Strategie ist der heimische Tourismus seit Jahrzehnten äußerst erfolgreich. Ökologisches Sorgenkind ist dabei der Winter, denn ganz ehrlich: Großräumige Skigebiete und Umweltschutz gehen schwer zusammen. Als sportliche Alternativen bieten sich das deutlich weniger Ressourcen verbrauchende Langlaufen oder das Skitouren gehen an. Im Osttiroler Villgratental beweist man, dass das auch zum ökonomischen Erfolg führt. Christof Schett, hiesiger Touristiker und Gemeinderat: „In den 1990er Jahren haben sich unsere Bauern quergelegt – sie wollten ihr Land nicht verkaufen. So wurde es nichts mit einem großen Skigebiet, für das es neben den Pisten auch Infrastruktur wie Parkplätze und Hotellerie gebraucht hätte.“ Auch politisch war der Wille da, sich gegen den Massentourismus zu stellen, keine Investoren anzubetteln, lieber klein und fein, dafür Herren im eigenen Haus zu bleiben.

Natürlich gab es Stimmen, die den Verantwortlichen Rückständigkeit vorwarfen, letztendlich ist man aber froh, dass es so gekommen ist, Schett: „Heute haben wir eine intakte Landschaft und gewachsene, kleine Strukturen – ein unbezahlbarer Wettbewerbsvorteil, denn immer mehr Menschen suchen genau das! Die Nächtigungszahlen geben uns jedenfalls recht“. Skilift gibt es im Villgratental bis heute keinen, dafür setzt man im Sommer auf die Klassiker Wandern und Biken und hat sich im Winter als die Top-Skitouren-Destination etabliert. Weil der Andrang gar so groß ist, hat man bereits weiter gedacht und vor zwei Jahren eine Besucherlenkung eingeführt. „Zusammen mit Grundeigentümern, Jägern und Touristikern haben wir Skitouren ausgearbeitet, die Schutzzonen für Wild und Wald lassen“, erklärt Schett, „Im Sommer gibt es so eine Lenkung auch für Mountainbiker.“ Apropos Sommer: Keine Liftstützenwälder werfen hier ihre Schatten auf den Wanderer.

Faire Regionalität

Die letzte Facette des nachhaltigen Tourismus geht über Natur- und Umweltschutz hinaus: Nur wenn die Bereisten auf Augenhöhe mit den Reisenden agieren, stimmt die Ökobilanz. Anders ausgedrückt: Man kann sich an den Tourismus verkaufen, oder wirtschaftliche Vielfalt statt Monokultur suchen.

Der Pionier in dieser Hinsicht ist der Bregenzerwald, dessen Bewohner bereits 1970 (!) einen Regionalverband gründeten, zur langfristigen und ausgewogenen Entwicklung ihrer Heimat. „Es ging von Anfang an darum, unsere Authentizität zu behalten und trotzdem Abwanderung zu verhindern. Das haben wir bis heute geschafft – es gibt bei uns keine fremden Hotelkonzerne, keine Tourismuszonen, kein gigantisches Eventgeplärr in den Bergen“, meint Helmut Blank, Bürgermeister von Sulzberg, Obmann von Bregenzerwald Tourismus und im Vorstand des Verbands Regio Bregenzerwald. Dafür achtet man auf Baukultur, bringt hochkarätige Kulturveranstaltungen ins Land und setzt vor allem wirtschaftlich auf die drei Säulen Landwirtschaft, Handwerk & Gewerbe sowie Qualitätstourismus. Alles befruchtet sich gegenseitig: Der Gast kommt, weil der die schönen Landschaften ohne große Betonklötze schätzt. Der Landwirt, der die Almen bewirtschaftet und damit pflegt, profitiert von den Besuchern, denen er seinen würzigen Käse als Delikatesse verkauft. Handwerk und Gewerbe sind gefragt, behutsam neue Attraktionen zu schaffen oder traditionsreiche Gasthöfe zeitgemäß und ökologisch bedacht umzubauen – was dem Gast wiederum teils spektakulär trendige Quartiere bietet. Auch das Erlebnis kommt nicht zu kurz: Es ist einfach schön, in einer Gegend Urlaub zu machen, wo sich nicht alles um einen selbst als Tourist dreht, sondern wo es noch einen Alltag gibt, dem man zusehen kann.

Ökourlaub: Modell Sanfter Tourismus
Ansätze zur perfekten heimischen Modell-Tourismusdestination der Zukunft: Die Gäste reisen mit der Bahn an, dafür bietet man ihnen vor Ort eine großräumige Mobilitätsgarantie mit E-Fahrzeugen und E-Öffis, wie es in Werfenweng und den anderen Mitgliedern der Alpine Pearls praktiziert wird (www.werfenweng.eu, www.alpine-pearls.org).
Selbstverständlich stehen 100-Prozent-Biohotels zur Auswahl, die darüber hinaus ganzheitlich denken – ein Beispiel dafür ist das Rupertus im Salzburger Pinzgau (www.rupertus.at) oder das Naturhotel Chesa Valisa im Kleinwalsertal (www.naturhotel.at, www.biohotels.at). Alternativ lässt sich der Urlaub am Biobauernhof verbringen (www.urlaubambauernhof.at).
Der Quartiergeber sorgt für die Verpflegung, zur Abwechslung kann man beim Biokäser auf der Alm oder in einem Biorestaurant einkehren (www.umweltzeichen.at, www.steiermark.com/biourlaub, www.salzburgerland.com/de/bioparadies, www.bioregion-muehlviertel.at).
Sportliche Aktivität in schöner Natur steht im Fokus des Urlaubs, wie intensiv man es angeht, bleibt jedem selbst überlassen: das Angebot ist breit, vom Wandern bis zum Bergsteigen, von der Schneeschuh- bis zur Skitour reicht etwa im Villgratental oder in den Bergsteigerdörfern ganz allgemein die Palette (www.villgratental.com, www.bergsteigerdoerfer.at).
Selbstverständlich akzeptieren wir als umweltbewusste Gäste, dass es Tabuzonen in der Natur gibt und respektieren die Regeln (www.bergwelt-miteinander.at). Eingebettet ist unser Tourismus-Utopia in eine rundum intakte Region, die nicht ausschließlich vom Tourismus lebt, wie das beispielsweise im Bregenzerwald der Fall ist (www.regiobregenzerwald.at, www.bregenzerwald.at).

Ökourlaub: Citytrip
Einen großen Marktanteil im Tourismus haben Städtereisen. Wie nachhaltig sich diese gestalten lassen, hängt in erster Linie von der besuchten Stadt selbst ab, denn abgesehen von den Hotels, nützt man ja auch als Stadtbesucher nur die Infrastruktur, die den Bewohnern selbst zur Verfügung steht. Die Sehenswürdigkeiten historischer Natur stehen sowieso außerhalb der Debatte, nicht einmal der hartnäckigste Ökoquerdenker käme auf die Idee, etwa Schloss Schönbrunn abzureißen, bloß weil die Gesamtenergieeffizienz des Hauses unzeitgemäß ist. Was man als mündiger Reisender selbst beitragen kann: Anreise mit der Bahn, Übernachtung im Ökohotel wie z. B. in Wien im Boutique-Hotel Stadthalle (erstes Plus-Energie-Stadthotel der Welt, www.hotelstadthalle.at) – und auch beim Ausgehen auf Bio achten (www.wien.info unter Essen & Trinken/Restaurants).

Ökourlaub: Entspannen
Als drittes großes Reisemotiv neben aktiver Erholung und Kulturgenuss finden wir die Entspannung. Zum reinen Relaxurlaub empfiehlt sich in Österreich der Besuch einer Therme, wo das Wasser (im Gegensatz zum herkömmlichen Wellnesshotel) bereits mit mindestens Badetemperatur aus der Tiefe sprudelt. Besonders hervorzuheben sind das Rogner Bad Blumau sowie die Heiltherme Bad Waltersdorf im Steirischen Thermenland: das Tiefenwasser füllt hier nämlich nicht bloß die Becken, es wird sogar dazu benutzt, die komplette Anlage samt Hotel autark zu heizen. Im von Hundertwasser gestalteten Rogner Bad Blumau, auch Träger des österreichischen Umweltzeichens, ist das Wasser bei Austritt darüber hinaus heiß genug, dass man damit zusätzlich Strom generiert (www.thermenland.at, www.heiltherme.at, www.blumau.com).


Foto/Video: Shutterstock

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Geschrieben von Anita Ericson

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