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Unverträglichkeit – Wenn Lebensmittel krank machen

Unverträglichkeit
Unverträglichkeit

Marie wollte nur ein einfaches Abendessen für ihre neuen Arbeitskollegen kochen. Nachdem sie alle nach Vorlieben und Abneigungen befragt hatte, musste sie erst einmal das Internet bemühen. Martin verträgt kein Gluten, Sabina keine Laktose und Peter bekommt von Histamin und Fructose Krämpfe und/oder Kopfschmerzen. Erst nach Tagen genauer Planung und intensiver Recherche gelingt es Marie, ein Menü zusammenzustellen, das für alle ihre Kollegen „ungefährlich“ ist. Was wie der bemühte Plot einer TV-Serie klingt, ist inzwischen tägliche Realität in vielen Haushalten.

„Unverträglichkeit und Allergien steigen“, weiß Dr. Alexander Haslberger, Ernährungswissenschaftler der Uni Wien (www.healthbiocare.com). „Dafür gibt es mehrere Gründe. So zum Beispiel wesentlich bessere Diagnosemöglichkeiten, auch die Zubereitung von Lebensmitteln hat sich verändert und die Menschen stehen unter größerem Stress. So seltsam es vielleicht klingen mag, auch die verbesserten Hygieneverhältnisse in den westlichen Industrieländern haben damit zu tun.“ Nach den Ergebnissen jüngster Studien ist ein Übermaß an Hygiene im Kindesalter nämlich bedenklich. Das Immunsystem kann sich nur dann normal entwickeln, wenn es einer gewissen Belastung ausgesetzt ist.

Allergie oder Unverträglichkeit (Intoleranz)?

Eine Nahrungsmittelintoleranz oder -Unverträglichkeit unterscheidet sich von einer Allergie vor allem in den Symptomen. Bei der Allergie reagiert der Körper auf einen bestimmten Stoff in der Nahrung allergisch, d. h. das Immunsystem reagiert überzogen auf Substanzen, die für den gesunden Menschen harmlos sind.
Die Folgen sind unter Umständen lebensbedrohlich. Es kommt zu heftigen Reaktionen an der Haut, den Schleimhäuten und den Atemwegen sowie zu Magen-Darm-Beschwerden. Das auslösende Lebensmittel muss komplett aus dem Ernährungsplan gestrichen werden. Die Unverträglichkeit wird häufig durch einen angeborenen oder erworbenen Enzymdefekt ausgelöst und spielt sich im Gegensatz zur Allergie hauptsächlich im Darm ab. Im Normalfall kommt es erst bis zu zwei Stunden nach dem Kontakt zu einer Reaktion.
Beispiel Milch: Die Milchallergie ist immunologisch vermittelt und bezieht sich hauptsächlich auf Eiweiße (z. B. Kasein), die in der Milch vorkommen. Die Milch-Unverträglichkeit (Laktoseintoleranz) bezieht sich auf den Zucker Laktose, der aufgrund eines fehlenden Enzyms (Laktase) nicht gespaltet werden kann.

Unverträglichkeit: die häufigsten Arten

Durchschnittlich zehn bis 30 Prozent der europäischen Bevölkerung leiden an einer Laktoseintoleranz (Milchzucker), fünf bis sieben Prozent an einer Fructosemalabsorption (Fruchtzucker), ein bis drei Prozent an einer Histaminintoleranz (etwa in Wein und Käse) und ein Prozent an einer Zöliakie (Glutenintoleranz). Die Dunkelziffer schätzen Ärzte weit höher ein.

„Viele Menschen, die einen Unverträglichkeit-Test machen, sind nachher verzweifelt. Sie sollen plötzlich auf 30 Lebensmittel oder mehr verzichten. Schon deshalb muss man deutlich sagen: Diese Tests sind nur Orientierungshilfen, wirklich Klarheit verschafft nur eine Ausschlussdiät.“
Dr. Claudia Nichterl

Unverträglichkeit-Tests

Experte Dr. Alexander Haslberger: „Es gibt relativ verlässliche Tests, die Le­bensmittelallergien nachweisen, und auch die Laktoseintoleranz kann gut festgestellt werden. Aber schon die Analyse von Histaminintoleranz wird von der Wissenschaft oft kritisch, die von Fruktoseintoleranz sehr kritisch betrachtet. Die sichere Austestung von Intoleranzen gegen andere Nahrungsbestandteile ist äußerst unklar. Leider gibt es sehr, sehr viele Tests, die überhaupt nicht auf wissenschaftlichen Grundlagen basieren.“
Bei einfachen Intoleranzen wird der sogenannte H2-Atemtest durchgeführt. Der IgG4-Test scheint der wissenschaftlich sinnvollste Test bei komple­xen Intoleranzen zu sein. Vermehrte IgG4-Antikörper gegen einen Nahrungsmittelbestandteil deuten auf eine erhöhte Konfrontation von Immunzellen mit dem Nahrungsmittel-Anti-Gen hin. Dies erfolgt wahrscheinlich aufgrund einer krankhaft erweiterten Darmbarriere und veränderter Darmmikrobiota. Erhöhte IgG4-Antikörper bedeuten aber noch nicht, dass es zu Beschwer­den wegen dieser Immunreaktion kommt, sondern nur, dass solche mit höherer Wahrscheinlichkeit auftauchen können.

 

Informieren Sie sich weiter über Unverträglichkeit und die häufigsten Arten, wie gegen Fructose, Histamin, Laktose und Gluten

 

Unverträglichkeit – Was tun? – Interview mit Ernährungsberaterin Dr. Claudia Nichterl

Wie kann man herausfinden, ob man unter einer Nahrungsmittel-Unverträglichkeit leidet?
Dr. Claudia Nichterl: Es gibt eine Fülle von oft teuren Tests, die aber eigentlich nur als Orientierungshilfe gewertet werden können. Diese Tests bestätigen nur eine Immunreaktion des Körpers, der reagiert aber auf jedes Lebensmittel. Man nennt das die „IG4-Reaktion“. Diese sagt eigentlich nur aus, dass sich der Körper gerade mit einem Stoff beschäftigt. Wirklich herausfinden, ob man eine Unverträglichkeit hat, kann man nur durch eine Ausschlussdiät. Das heißt, das verdächtige Nahrungsmittel weglassen und dann nach vier bis sechs Wochen wieder essen. Das sollte man allerdings mit Betreuung einer Ernährungsfachkraft bzw. unter ärztlicher Aufsicht machen.

Gerade die Glutenintoleranz scheint zu boomen. Wie erklären Sie sich das?
Nichterl: Erstens ist nicht jede vermutete Glutenunverträglichkeit auch wirklich eine. Ähnliche Symptome können durch eine gestörte Darmflora (Leaky Gut*) oder auch Stress auftreten. Dazu kommt, dass durch die fortschreitende Industrialisierung der Nahrung immer mehr Zusatzstoffe in die Mahlzeit und so in unsere Körper gelangen. Gerade beim Gluten ist wohl auch ein wesentlicher Faktor, dass die neuen Weizensorten auf ein Maximum an Gluten hochgezüchtet werden, weil sich das Getreide so besser verarbeiten lässt. Die Praxis zeigt, dass viele Probleme verschwinden, sobald wieder selbst – mit frischen Lebensmitteln – gekocht wird. Unsere Körper sind einfach mit sieben Mal Fertiggericht pro Woche überfordert. Abwechslung ist wichtig. Buchweizen, Hirse, Reis etc.

Kann man einer Unverträglichkeit vorbeugen?
Nichterl: Ja, frische Lebensmittel verwenden, selbst kochen und Abwechslung in den Speiseplan bringen. Oft sind 80 Prozent der Beschwerden schon dadurch verschwunden.

*Leaky Gut beschreibt die erhöhte Durchlässigkeit zwischen den Zellen (Enterozyten) entlang der Darmwand. Diese winzigen Lücken erlauben es z.B. unverdauter Nahrung, Bakterien und Stoffwechselprodukten in den Blutkreislauf zu gelangen – daher der Begriff Leaky-Gut-Syndrom.

Foto/Video: NUN

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Aspirant

Geschrieben von Ursula Wastl

Redakteurin bei Option

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