Gery Seidl
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„Warum es Sinn macht“ – Kolumne von Gery Seidl

Mit zunehmendem Alter wird mir bewusster, wie schnell die Jahre ins Land ziehen. „An den Kindern sieht man wie die Zeit vergeht“, lautet ein Sprichwort und ich war gezwungen einen Augenblick inne zu halten, nachdem mir dieser Satz zum ersten Mal über die Lippen kam. An den Kindern sieht man es. Im Spiegel auch. Sind das Falten? Und wenn ja, sind es Lach- oder Sorgenfalten? Es sind Lachfalten. Was für ein Glück. Zeitzeugen eines gelungenen Witzes.

„Bei wem darf ich mich bedanken, dass ich in dieser Oase der Seligkeit auf die Welt kommen durfte?“

Ich nehme mir oft die Zeit mir zu überlegen, wo ich gerade stehe. In der Gesellschaft, in meiner Lebensplanung, sofern man ein Leben planen kann, wohin mein Weg mich noch führen soll. Tausende Gedanken. Zeit, das zu verarbeiten, was man liest. Gedanken und Erfahrungen anderer. Wie geht es mir, wie geht es anderen und bei wem darf ich mich bedanken, dass ich in dieser Oase der Seligkeit auf die Welt kommen durfte? Immer mehr versuche ich hinter dem, was sich rund um mich gerade abspielt, einen größeren Zusammenhang zu erkennen.

Warum passiert was wie? Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer? Warum gibt es Strömungen in der Gesellschaft, die ganz bewusst manche Dinge so steuern, dass Menschen zu schaden kommen. Die, die für den eigenen Profit, für vermeintlich mehr Ansehen in der „Gesellschaft“, für Macht über Leichen gehen. Karl Valentin hat einmal gesagt: „Der Mensch ist von Haus aus gut, nur die Leut` sind ein Gesindel.“ Wenn wir davon ausgehen, dass der neugeborene Mensch von Haus aus gut ist, dann muss es also die Gesellschaft sein, die ihn so werden lässt, wie er letztlich ist. Nachdem wir alle Gesellschaft sind, bin es auch ich, der „Schuld“ trägt für so manche Dinge, die aus dem Ruder laufen. Es hat also keinen Sinn den Finger auf andere zu richten, solange man seine eigenen Hausaufgaben nicht gemacht hat. Das ist der Grund, warum ich versuche, ganz bei mir zu beginnen um darauf zu kommen, warum ich so bin, wie ich eben bin. Die Erziehung der Eltern, Erfahrungen, Erfolgsmomente und das Scheitern haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Wann weiß ich alles? Wann kann ich sagen, dass ich fertig bin?

„Karl Valentin hat einmal gesagt: Der Mensch ist von Haus aus gut, nur die Leut` sind ein Gesindel.“

Fertig? Bei weitem nicht! Ich bin am Weg, doch hat sich ein Mensch zu mir dazugesellt, der mir mittlerweile viele Fragen stellt, in der Annahme dass ich es ja wissen muss, eben weil ich der Papa bin und selbiger alles weiß. So stehe ich manchmal vor meiner Tochter und denke mir genau das Gegenteil. Ich denke mir oft: „Sag du es mir, denn du bist noch ganz frei in deinem Denken.“ Erfrischt an eine Sache heran zu gehen ohne Vorurteile, das ist die Kunst. Kinder forschen, weil sie den Drang haben zu entdecken. Wie fühlt sich der Kuchenteig an bevor er ins Rohr geschoben wird und wie, wenn man sich zwei Hände davon in die Haare schmiert und wie, wenn man dann mit den Haaren zu den Vorhängen geht, um den Teig zu verarbeiten? Ein kompaktes Forschungsprogramm. Kinder wollen alles wissen. Und fragen und fragen und fragen. Und manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich nicht genau zuhöre. Weil die vielen Fragen nicht in meinen Zeitplan passen. Die meisten Philosophen, die vor uns gelebt haben, hinterließen uns mehr Fragen als Antworten. Ich glaube, genau darin liegt der Schlüssel für eine bessere Welt.

WARUM? Ich bin der Meinung mit dieser Frage mindestens die Hälfte aller Projekte zurück an den Start schicken zu können, wenn die Antwort darauf nicht lautet: „Weil es für uns alle gut ist.“ Wir verhindern nicht den Bau des Automobils, das auch mit Wasserstoff angetrieben werden könnte, weil es für uns alle gut ist. Das Vertuschen eines Finanzskandals und die Behinderung der Aufklärung ist nicht für uns alle gut. Die Pharmaindustrie, die Krankheiten erfindet um Produkte zu verkaufen, meint es nicht immer mit uns allen gut. Genauso wenig wie eine Nation, die einen Krieg heraufbeschwört um Waffen zu verkaufen. Endlos könnte man diese Liste fortsetzen und letztendlich unter ihrer Last ersticken. Aufklärer unserer Zeit können ein Lied davon singen. Nach all den Fakten, die sie der Gesellschaft auf den Tisch legen, passiert letztendlich nur, diese unangenehmen Menschen so schnell wie möglich mundtot zu machen. Die Ergebnisse ihrer Enthüllungsarbeit bleiben unberücksichtigt. Keine Konsequenzen für die Verschulder. Doch das heißt nicht, dass alles so bleiben muss. Schaffen wir eine mündige Gesellschaft!

Am Theater gibt es die drei „W“. Wer bin ich? Wo bin ich? Was bin ich? Doch letztendlich gibt es diese drei „W“ nicht nur am Theater, sondern auch im wirklichen Leben. Max Reinhard meinte: „Theater ist nicht Verwandlung, sondern Enthüllung.“ Das Theater ist ein geschützter Raum, in dem man experimentieren kann. Draußen gibt es einen solchen Raum auch, zumindest sollte es ihn für unsere Kinder geben. Dieser geschützte Raum sollte in erster Linie die Familie sein und in weiterer Folge die Schule. Die Familie soll ein Hafen sein, in dem man einlaufen kann, wenn die See rau wird. Hier sind alle Fragen erlaubt. Familie ist der Platz, wo man dich liebt, weil du so bist, wie du bist. Familie und gute Freunde. Gute Freunde sind, wenn du Glück hast, einige wenige Menschen, die dich mögen – obwohl sie dich kennen. Ich befinde mich in der glücklichen Lage beides haben zu dürfen. Leider können das nicht alle von sich behaupten und so sehe ich die Schule als Auffangnetz für unsere Kinder.

Vielleicht ist diese Sichtweise ein wenig blauäugig, doch stellt sie für mich das Ideal dar, wenn wir in Zukunft eine Gesellschaft sein wollen, die überlegt mit den Ressourcen der nächsten Generation umgeht, wenn wir eine Gesellschaft haben wollen, in der wir einander mit Respekt und Anstand begegnen und wenn sich dieser Zugang irgendwann auch in der Politik widerspiegelt. So macht es für mich Sinn, Menschen zu treffen, die einen anderen Blickwinkel auf eine Sache haben als den meinen. Neue Herangehensweisen zu erkennen. Es macht für mich Sinn, Sachen auszuprobieren. Umso leichter, wenn du ein Netz hast, das dich notfalls auffängt. Und somit macht es für mich Sinn, unser Netz gemeinsam zu spinnen, damit auch jene in den Genuss kommen aufgefangen zu werden, die dieses Gefühl noch nicht kennen.

Dass in vielen Bereichen noch Menschen an den Hebeln sitzen, die nicht so denken, ist ein vorhandenes Übel, doch sollte es uns nicht daran hindern und uns nicht den Mut rauben, es ab heute anders zu machen. Die Zeit ist auf unserer Seite, wenn wir unsere Kinder, unsere ungeschliffenen Diamanten, nicht zu Staub zermahlen, sondern sie leuchten lassen. Dann wird auch die Welt in neuem Glanze erstrahlen.
Danke. Ich freu mich darauf.

Foto/Video: Gary Milano

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Geschrieben von Gery Seidl

Kabarettist und Kolumnist bei Option

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