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Was macht die Dänen so glücklich?

Im Jahr 2017 hat Dänemark den ersten Platz beim weltweit erhobenen Social Progress Index und den zweiten beim World Happiness Report der UNO erreicht. Was machen die Dänen richtig? Option hat nachgeforscht.

Glücklich
Glücklich

„Dänemark und Norwegen sind die Länder, in denen das größte Vertrauen in andere Menschen herrscht.“
Christian Bjørnskov, Universität Aarhus

Kann ein Land die essentiellen Bedürfnisse seiner Bürgerinnen und Bürger befriedigen? Bietet es die Voraussetzungen dafür, dass Individuen und Gemeinschaften ihr Wohlbefinden verbessern und erhalten können? Und haben alle Bürgerinnen und Bürger die Chance, ihre Potentiale voll auszuschöpfen? Das sind die Fragen, die der Social Progress Index (SPI) jedes Jahr für möglichst alle Staaten der Welt mit einer komplexen Metastudie zu beantworten sucht. Für Dänemark kann man alle diese Fragen so beantworten: Ja! Ja! Ja!

Dänemark hat deshalb 2017 den Spitzenplatz des SPI erreicht. Eigentlich sei das Ergebnis keine Überraschung, schreiben die Autoren des „Social Progress Index“ in ihrem Bericht. Dänemark werde seit langem für sein erfolgreiches Sozialsystem und seine hohe Lebensqualität bewundert. Anfang 2017, noch bevor der SPI veröffentlicht war, wurde der „typisch dänische“ Lebensstil von zahlreichen deutschsprachigen Medien sogar zum neuesten Gesellschaftstrend ausgerufen: „Hygge“ (gesprochen hügge) nennt sich das und könnte mit „Gemütlichkeit“ übersetzt werden. Man sitzt daheim oder in der Natur mit Familie und Freunden beisammen, isst und trinkt gut, unterhält sich und ist einfach nur glücklich. Im Sommer ist in Deutschland sogar ein gleichnamiges Magazin auf den Markt gekommen, in dem man viele strahlende Menschen sieht.

„Ein Bekannter hat einmal gemeint, wir Dänen sind so glücklich, weil wir so niedrige Erwartungen haben“, sagt der Däne Klaus Pedersen belustigt. Klaus ist 42 Jahre alt, lebt in Aarhus, der zweitgrößten Stadt in Dänemark, und betreibt seit zehn Jahren eine Filmfirma. „Ich bin ziemlich zufrieden mit meinem Leben“, stellt er fest, „Das einzige, was mich in Dänemark stört, sind die hohen Steuern und das Wetter.“ Das Wetter kann man wohl nicht ändern, aber dagegen gibt es Kerzen, Wolldecken und „Hygge“, siehe oben. Und die Steuern?

„In Dänemark und Norwegen sagen 70 Prozent der Befragten, dass man den meisten Menschen trauen kann, im Rest der Welt sind es nur 30 Prozent.“

Dänemark gilt als Land mit hoher Steuerbelastung, im OECD-Vergleich liegt diese aber nur wenig über dem Durchschnitt von 36 Prozent. An der Spitze der OECD steht Belgien mit einer Steuer- und Abgabenlast von 54 Prozent, Österreich hat 47,1 Prozent, Dänemark 36,7 Prozent. In den meisten Ländern setzt sich dieser Prozentsatz aus Einkommensteuer und Sozialabgaben wie Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Unfallversicherung usw. zusammen, während man in Dänemark nur Einkommensteuer bezahlt und der Arbeitgeber einen kleinen Anteil Sozialabgaben. Die umfangreichen Sozialleistungen werden also vom Staat aus der Einkommensteuer finanziert, für die Bürger und Bürgerinnen entsteht dadurch der Eindruck, dass diese Leistungen gratis sind.
„Wir sind sehr privilegiert“, findet die 38jährige Projektmanagerin Nicoline Skraep Larsen, die zwei Kinder im Alter von vier und sechs Jahren hat. In Dänemark seien Schule und Studium gratis, für das Studium bekomme man sogar eine finanzielle Unterstützung. Die meisten Studierenden müssten zwar noch nebenbei arbeiten, vor allem wenn sie im teuren Kopenhagen wohnen, aber für das Wichtigste sei gesorgt. „So bekommt jeder die Chance zu studieren, egal wie viel Geld deine Eltern haben“, sagt Nicoline. Deshalb seien die Dänen gut ausgebildet, was auch ein höheres Einkommen bedeute. In Dänemark ist es selbstverständlich, dass Frauen und Männer gleichermaßen berufstätig sind. Eine Frau darf nach der Geburt eines Kindes ein Jahr zu Hause bleiben, für die Zeit danach gibt es ausreichend Kinderbetreuungsplätze, die nicht viel kosten.
Kinder und Familie haben in Dänemark einen hohen Stellenwert. „Dass man früher aus dem Büro geht, weil man die Kinder abholen muss, wird stets akzeptiert“, beobachtet Sebastian Campion, der als Designer in einem internationalen Unternehmen in Kopenhagen arbeitet und selbst keine Kinder hat. Offiziell beträgt die Wochenarbeitszeit in Dänemark 37 Stunden, viele würden jedoch am Abend noch einmal den Laptop aufklappen, wenn die Kinder im Bett sind. Nicoline findet das nicht schlimm. Wahrscheinlich arbeite sie tatsächlich 42 Stunden pro Woche, aber sie käme nicht auf die Idee, Überstunden zu verrechnen, denn sie schätze die locker gehandhabte Flexibilität.

Im SPI wird auch die Verfügbarkeit leistbaren Wohnraums in Dänemark hervorgehoben. Wer nicht ausreichend verdient, hat mit einer gewissen Wartezeit die Möglichkeit, eine Sozialwohnung zu mieten, die etwa halb so viel kostet wie am freien Markt. Auch wenn man krank wird, den Job verliert, arbeitsunfähig ist oder in Pension gehen möchte – für so gut wie alle schwierigen Lebenslagen der Dänen gibt es das soziale Netz. Auch die Bürgerrechte werden hoch gehalten, wiewohl auch Dänemark in den vergangenen Jahren von einem europaweit bemerkbaren Rechtsruck und Abschottung gegenüber Geflüchteten und Zuwanderern nicht verschont geblieben ist. Manchen seien die Sozialleistungen schon zu viel und sie würden klagen, dass sie mit ihren Steuern andere, die (aus welchen Gründen auch immer) nicht arbeiten, erhalten müssten, beobachtet Klaus Pedersen.

Glücklich durch Vertrauen & Bescheidenheit

Zu sagen, dass man mehr leiste oder besser sei als jemand Anderer, ist in Dänemark jedoch verpönt. Der dänisch-norwegische Autor Aksel Sandemose hat das 1933 in einem Roman beschrieben, der im fiktiven Dorf Jante spielt. Seither wird dieses Tabu als „Janteloven“, als das „Gesetz von Jante“ bezeichnet.

Der Jante-Verhaltenskodex – und glücklich?

Das Gesetz von Jante (dän./norw.: Janteloven, schwed.: Jantelagen) ist ein stehender Begriff, der auf Aksel Sandemoses (1899–1965) Roman „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ (En flyktning krysser sitt spor, 1933) zurückgeht. Darin beschreibt Sandemose das kleingeistige Milieu einer dänischen Kleinstadt namens Jante und den Anpassungsdruck, welchen Familie und soziales Umfeld auf den heranreifenden Jungen Espen Arnakke ausüben.
Das Gesetz von Jante ist als Verhaltenskodex sozialer Spielregeln im skandinavischen Kulturraum verstanden worden. Seine nachhaltige Verankerung in der Öffentlichkeit verdankt der Kodex vermutlich seiner Ambivalenz: Von den einen wird er als – im Kern berechtigte – Begrenzung egoistischen Erfolgsstrebens positiv aufgefasst; andere sehen im Gesetz von Jante die Unterdrückung von Individualität und persönlicher Entfaltung festgeschrieben.
In einer anthropologischen Perspektive könnte Janteloven auf eine mögliche typisch skandinavische Selbstzügelung im gesellschaftlichen Miteinander hinweisen: An den Tag gelegte Bescheidenheit vermeidet Neid und sichert den Erfolg des Kollektivs.
de.wikipedia.org/wiki/Janteloven

All das erklärt aber noch nicht, warum die Dänen nicht nur als die sozial fortschrittlichsten, sondern neben den Norwegern auch noch als die glücklichsten Menschen der Welt gelten. Eine Antwort darauf liefert Christian Bjørnskov, der an der Universität Aarhus dazu forscht: „Dänemark und Norwegen sind die Länder, in denen das größte Vertrauen in andere Menschen herrscht.“ In den beiden Ländern würden 70 Prozent der Befragten sagen, dass man den meisten Menschen trauen könne, im Rest der Welt seien es nur 30 Prozent. Vertrauen ist etwas, das man von Geburt an lernt, eine kulturelle Tradition, in Dänemark sei sie aber durchaus begründet, sagt Christian Bjørnskov. Gesetze seien klar formuliert und würden befolgt, die Verwaltung arbeite gut und transparent, Korruption sei selten. Man geht davon aus, dass alle korrekt handeln. Klaus Pedersen bestätigt das: „Ich mache Geschäfte immer nur per Handschlag.“
Klaus hat ein paar Jahre in der Schweiz gelebt, wo die Steuern weit niedriger sind und die Sozialleistungen geringer sind. Beim Happiness Report steht die Schweiz dennoch an vierter Stelle, beim SPI 2017 an fünfter Stelle. Die Wege zum Glück sind also offenbar sehr verschieden.

Social Progress Index – glücklich?

Der Social Progress Index (SPI) wird seit 2014 von einer Forschergruppe um den Ökonomie-Professor Michael Porter von der Harvard Business School für alle Staaten der Erde errechnet, für die ausreichende Daten zur Verfügung stehen; im Jahr 2017 waren das 128 Länder. Als Grundlage dient eine Fülle an Studien internationaler Organisationen und Institutionen zu Lebenserwartung, Gesundheit, medizinischer Versorgung, Wasserver- und -entsorgung, Wohnen, Sicherheit, Bildung, Information und Kommunikation, Umwelt, Menschenrechte, Freiheit, Toleranz und Inklusion. Die Idee ist, ein Gegenstück zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu haben, das nur den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes misst, nicht aber den sozialen Fortschritt. Der Index wird von der Nonprofit-Organisation Social Progress Imperative publiziert, basiert auf den Arbeiten von Amartya Sen, Douglass North und Joseph Stiglitz und möchte einen Beitrag zur Erreichung der Sustainable Development Goals leisten.
Den höchsten sozialen Fortschritt hat Dänemark mit 90,57 Punkten, gefolgt von Finnland (90,53), Island und Norwegen (je 90,27) und Schweiz (90,10). Dänemark schneidet in allen Bereichen sehr gut ab, außer bei der Gesundheit und der Lebenserwartung, die durchschnittlich bei 80,8 Jahren liegt, im Nachbarland Schweden sind es 82,2. Studien legen nahe, dass der höhere Tabak- und Alkoholkonsum in Dänemark schuld daran ist.

Die Alpenrepublik verliert im Vergleich zum Vorjahr einen Platz, zählt aber dennoch zum kleinen Kreis jener Länder mit sehr hohem sozialem Fortschritt. Bei der Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse schafft es Österreich sogar auf Platz 5. In dieser Kategorie wird neben der Verfügbarkeit leistbaren Wohnraums sowie persönlicher Sicherheit unter anderem auch der Zugang zu Trinkwasser und sanitären Anlagen berücksichtigt. In den beiden anderen Hauptkategorien „Grundlagen des Wohlbefindens“ und „Chancen und Möglichkeiten“ schafft Österreich Platz 9 und 16. Trotz des sehr positiven Gesamtergebnisses liegt Österreich in manchen Bereichen unter dem zu erwartenden Wert. Setzt man das BIP mit dem Grad des sozialen Fortschritts in Relation, zeigt sich vor allem bei Chancengleichheit und Bildung sowie bei gesellschaftlicher Toleranz deutlicher Aufholbedarf.
Mit einem Gesamtergebnis des Social Progress Index von 64,85 von 100 Punkten lässt sich global eine leichte Verbesserung zum Vorjahr (2016: 62,88 Punkte) feststellen. Der weltweite soziale Fortschritt findet zwar statt, weist aber je nach Region starke Unterschiede in Ausprägung und Geschwindigkeit auf. Durch den Social Progress Index wurden weltweit 128 Länder in Bezug auf 50 soziale und ökologische Faktoren analysiert.
www.socialprogressindex.com

Foto/Video: Shutterstock

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