Fairtrade
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Wie Fairtrade wirklich tickt

Bei Gütesiegel und Markenzeichen für Lebensmittel herrscht Hochkonjunktur. Insgesamt sind Österreichs Konsumenten mit über 100 Gütesiegel konfrontiert. Suggeriert werden idyllische Vorstellungen, die den Erwartungen oft nicht entsprechen.

Chef von Fairtrade Österreich: Hartwig Kirner
Chef von Fairtrade Österreich: Hartwig Kirner

Das Sozialgütesiegel Fairtrade hat in Österreich das Konsumentenvertrauen gewonnen. Österreich zählt mittlerweile zu den dynamischsten Märkten der Organisation. Hierzulande verzeichnete der „gute Handel“ ein Umsatzwachstum von rund sieben Prozent. Der geschätzte Gesamtumsatz mit fair gehandelten Produkten betrug im Jahr 2012 insgesamt 107 Millionen Euro. Vergleichsweise waren es 2006 noch 42 Millionen Euro an Umsatz. Zahlen, die laut Fairtrade-Austria-Geschäftsführer-Österreich Hartwig Kirner weiter übertroffen werden sollen. „Wir erwarten auch für das Jahr 2014 eine Weiterführung des positiven Trends der letzten Jahre.“

Denn die Supermarktketten haben längst den Nerv der Konsumenten getroffen und erweitern laufend ihr Produktsortiment. „Wir beobachten, dass das Bewusstsein der Menschen für soziale Gerechtigkeit in den letzten Jahren stetig zugenommen hat. Die Kunden greifen für fair gehandelte Artikel gerne einmal tiefer in die Tasche“, sagt Spar-Vorstandsvorsitzender Gerhard Drexel.

Wachstumstreiber im Handel seien Süßwaren (plus 32 Prozent auf 192 Tonnen), Kaffee und frische Früchte (jeweils plus sechs Prozent). Die größten Zuwachsraten gibt es in der Kategorie Convenience (Kompotte, Aufstriche, Konserven). Dabei sorgten vor allem Dosenananas aus Thailand als erstes Fairtrade-Konservenprodukt im österreichischen Handel für eine Mengensteigerung von 55 Tonnen im Jahr 2011 auf 192 Tonnen.

Regelmäßige Kontrollen

Doch bekommen Kunden auf der Nordhalbkugel auch Fairtrade, wenn Fairtrade draufsteht? Es existieren freilich externe Kontrollen durch eine Prüfanstalt, zudem ist der Großteil der Rohstoffe auf den Produkten nachvollziehbar. Regelmäßige Kontrollen der Partnerorganisation FLO-Cert sorgen dafür, dass die Fairtrade-Standards weitgehend eingehalten werden, die neben dem Verbot von genmanipuliertem Saatgut auch Versammlungsfreiheit, Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften sowie das Verbot ausbeuterischer Kinderarbeit enthalten.

Mitglieder, die gegen die Regeln verstoßen, werden zunächst suspendiert und gegebenenfalls auch dezertifiziert. Dennoch können Missbrauchsfälle nicht ausgeschlossen werden. „Es gibt natürlich auch schwarze Schafe, das lässt sich nicht vermeiden“, sagt Kirner. Es gebe aber kein Zertifizierungssystem, das Missbrauch zu 100 Prozent verhindern könne.

Mindestpreis und soziale Standards

Garantiert werden durch das Fairtrade-Label in jedem Fall soziale Mindeststandards für Produzenten in den Herstellerländern. Weltweit stammen rund 70 Prozent der Produkte mit dem Fairtrade-Siegel von Kleinbauern-Kooperativen. Deshalb stehen bei Fairtrade insbesondere Bauernfamilien im Zentrum, die sich in Kleinbauern-Genossenschaften organisiert haben, wie das zum Beispiel in der Kaffeeproduktion der Fall ist. Aktuell umfasst das Netz rund 1,3 Millionen KleinbäuerInnen und Beschäftigte aus 70 Ländern.

Produkte: mind. 20 Prozent Fairtrade

Und Fairtrade bietet den Produzenten vor Ort noch etwas. Denn für viele Kleinbauern ist das Siegel die einzige Chance, Zugang zum Weltmarkt zu bekommen. Sobald ein Hersteller sämtliche verfügbaren Zutaten aus zertifizierten Fairtrade-Quellen bezieht und das jeweilige Produkt zu mindestens 20 Prozent aus solchen Bestandteilen besteht, kann sich der Produzent Fairtrade auf die Fahnen heften.

Und hier setzt Fairtrade mit seinem Mindestpreis an: Wenn der Weltmarktpreis über diesen Mindestpreis steigt, erhalten die Kooperativen den höheren Marktpreis. Liegt der Weltmarktpreis unter dem Fairtrade-Mindestpreis, muss dieser trotzdem vom Händler an die Produzentengruppe ausbezahlt werden. Zu bedenken gilt, dass etliche Tonnen zertifizierter Produkte nicht zu entsprechenden Konditionen verkauft werden können. „Das Fairtrade-Potenzial wäre vorhanden“, so Kirner. Im Schnitt müssen Fairtrade-Linzenznehmer satte 60 Prozent ihrer Ernten zu Marktpreisen losschlagen.

Fair gehandelt vs. Fairtrade

Fairtrade ist eine Schutzmarke, für deren Nutzung sich Hersteller zertifizieren lassen müssen. Das schließt aber nicht aus, dass Produkte ohne Fairtrade-Logo nicht ebenfalls fair gehandelt wurden. In vielen Fällen übersteigt die Fairness sogar jene von Fairtrade. Manchen Händlern und Herstellern ist es wichtig, ihre Bezugsquellen persönlich zu kennen. Einige Produkte übersteigen den bei der Marke Fairtrade verpflichtenden 20-Prozent-Anteil bei den Bestandteilen. Anders widerum gibt es freilich auch hier das sogenannte „green washing“.

Fairtrade fördern

Ein wesentlicher Faktor ist die Gastronomie. Am besten wäre es, immer wieder bei einem Kaffeehausbesuch nach fairem Kaffee zu fragen. Denn wenn der Wunsch der Kunden da ist, dann wird sich auch etwas bewegen. Aber auch im Handel können Sie nach fair Gehandeltem fragen!

Foto/Video: Helmut Melzer, Fairtrade Austria

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Geschrieben von Alexandra Frantz

Redakteurin bei Option

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