Mira Kolenc
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Liebesrausch & Liebeskater – Kolumne von Mira Kolenc

Kennen Sie die Geschichte von den Marula-Früchten und den betrunkenen Tieren? Ist ein schöner Party-Eisbrecher oder wenn einem der Gesprächsstoff bei einem Date ausgeht.

Die Geschichte also geht so: Der Marula-Baum, der in den frostfreien Regionen von Afrika vorkommt, trägt etwa mirabellengroße goldgelbe Früchte, die – ja genau, unter anderem zu einem sahnigen Likör verarbeitet werden, der ledigen Männern bei RTL dabei hilft, vermutlich weil den Früchten eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt wird, ihre „Traumfrau“ zu finden – sich einer großer Beliebtheit in der Tierwelt erfreuen. Allen voran die Elefanten, die vom Duft der schnell verderblichen Früchte, magisch angezogen werden. Und da die Dickhäuter und der Marula-Baum quasi ein untrennbares Doppel darstellen, spricht man auch vom Elefantenbaum.
Irgendwelche Augenzeugen und der Film „Die lustige Welt der Tiere“ aus den 1970er Jahren berichten nun also von Tieren, die nach dem Genuss der gärenden Marula-Früchte durch den Alkoholgehalt in rauschähnliche Zustände verfallen und sich nicht mehr auf den Füßen halten können.

Nun, das ist eine schöne Idee, aber ich muss Sie leider etwas enttäuschen. Diese ganze Marula-Baum-Geschichte ist eine moderne Sage, die sich aber ausgesprochen hartnäckig hält! Vermutlich weil wir im betrunkenen Tier, das nicht mehr ganz Herr seiner Sinne ist, uns selbst wiederkennen (wollen). Vor allem können wir herzlich darüber lachen. Was die Scham erträglicher macht, die uns ernüchtert, über die eigenen Ausfälle im Rausch einholt.

So geht es uns auch in Liebesdingen. Oder haben Sie nie seltsame Dinge getan als sich Ihr Gehirn frisch im Liebesrausch befand?

Nüchtern betrachtet ist die Liebe ja ein seltsames Phänomen. Aber wenn man drinnen steckt, dann kann man sich ihr eben nur vollständig ergeben und fühlt sich mitunter ganz schön hilflos.
Ferner lernt man sich selbst noch einmal von ganz neuen Seiten kennen. Wirft Teller an die Wand oder hegt erstaunlich konkrete Rachegedanken.
Trägt das viel zu kurze rote Kleid, das jahrelang verschmäht im Schrank lag, weil die überkritische Wahrnehmung von uns selbst einfach mal so ausgeschaltet wurde.
Auch schaffen wir endlich den Spagat zwischen Arbeit und Freizeit, weil wir ein marktwirtschaftsfreundliches Schlafpensum von fünf Stunden absolvieren können ohne uns dabei müde zu fühlen. Morgendliches Workout inklusive. Diese Energie! Beängstigend. Berauschend. Süchtig machend.

Einige meiner Vorgehens- und Denkweisen sind mir im Nachhinein, mit der Wiedererlangung des wohltemperierten Gehirns, vollkommen schleierhaft. Die ganz großen Gesten sind ja auch immer nur dann nicht peinlich, wenn man sprichwörtlich die rosa Brille auf hat. Und natürlich auch nur, wenn sie auf fruchtbaren Boden stoßen.

„Das verliebte Gehirn erschafft definitiv eine neue Welt, in der wir vor allem eines sind: mutiger. Das Leben erscheint beeindruckend hürdenlos.“

Das verliebte Gehirn erschafft definitiv eine neue Welt, in der wir vor allem eines sind: mutiger. Das Leben erscheint beeindruckend hürdenlos. Nichts kann einen so schnell aus der Bahn werfen und wenn doch, schaffen wir es sowieso mühelos wieder zurück.
Dabei richtet sich die Energie des unglücklich oder sagen wir noch unsicher Verliebten auf seine Umwelt, während der glücklich Liebende seine Energie nach innen, in die Partnerschaft, trägt. In jedem Fall sind wir zuvörderst risikofreudiger.

Oder wie sagt Nick so schön zu Jess – zwei der Hauptprotagonisten aus der Serie „New Girl“, die kurzeitig eine Liebesbeziehung miteinander eingehen – als sie sich in ihrer Flitterwochenphase befinden?: „Ich will keine Erstattung für meine Kreuzfahrten und ich will keine Erstattung für Dich!“ Und Jess antwortet „Wir werden nie sterben!“ (Staffel 3, Folge 23).
Auch wenn Nick und Jess am Ende nur eine Kreuzfahrt gemeinsam antreten müssen, obwohl sie sich zwischenzeitlich getrennt haben – die Reise lässt sich nicht mehr stornieren und es wäre doch schade um das viele Geld – so glimpflich geht das Ende eines Liebesrausches nicht immer aus.

Gerade Frauen setzen in der Liebe gerne einmal alles auf eine Karte, erklärt die deutsche Ökonomin Miriam Beblo in einem Interview mit dem Spiegel. Und obwohl 40 Prozent der Ehen geschieden werden, heißt diese Karte bei Frauen in der Regel „Familie“ statt „Karriere“. Was sie grundsätzlich in eine schwächere Position bringt. Da spielen strukturelle Gegebenheiten und Traditionsdenken mit rein, aber auch, dass Frauen Anerkennung in Form von Geld für sich weniger zu brauchen scheinen.

„Viel zu gerne singen wir wie das Tofutier von Martin Reinl „Alles von mir, ach nimm doch alles von mir. Siehst Du nicht, ich will es Dir geben…“ und landen am Ende komplett im Kochtopf.“

Es ist vielleicht die schwerste Übung der Liebe, sich nicht vollständig im Paargefüge aufzulösen und den Liebeskater als unrealistisches Szenario abzuhaken. Viel zu gerne singen wir wie das Tofutier von Martin Reinl „Alles von mir, ach nimm doch alles von mir. Siehst Du nicht, ich will es Dir geben…“ und landen am Ende komplett im Kochtopf. Das ist ein wenig viel Aufopferung. Sie werden es sich am Ende selbst danken, wenn Sie einen kleinen Rest Ihres Verstandes behalten. In diesem Sinne, einen guten Start in den Frühling!

Foto/Video: Oskar Schmidt

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Geschrieben von Mira Kolenc

Kolumnistin bei Option

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