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Nachhaltige Wirtschafts-Vorbilder

Im Tal der Nachhaltigkeit scheint nicht immer die Sonne. Wer sich stolz mit Öko und Bio schmückt, hat hinter den Kulissen dafür Blut geschwitzt. Nachhaltiges Wirtschaften stellt Unternehmer häufig vor verschlossene Türen, lässt sie auf Granit beißen und sogar Spott ernten. Ist der Motor aber einmal in Gang gesetzt, ist die Chance als Held hervorzugehen, umso größer.

Nachhaltige Wirtschaft 

Die CEO-Nachhaltigkeitsstudie des United Nations Global Compact fragte 1.000 Vorstandschefs in 103 Ländern nach dem Fortschritt der globalen Wirtschaft im Bereich der Nachhaltigkeit: 78 Prozent sehen in Nachhaltigkeit eine Möglichkeit, weiter zu wachsen und innovativer zu werden, und 79 Prozent glauben, dass sie durch nachhaltigeres Wirtschaften künftig einen Wettbewerbsvorteil in ihrer Branche haben werden. 93 Prozent der Befragten erachten zudem Umweltbelange, soziale Fragen und verantwortungsvolle Unternehmensführung als wichtig für die geschäftliche Zukunft ihrer Firmen. Allerdings: Die momentane wirtschaftliche Lage und widerstreitende Prioritäten hindere die Firmenchefs daran, Nachhaltigkeit in ihren Unternehmen zu verankern

Pioniergeist ist eben kein Zuckerschlecken. Im kleinen Besprechungszimmer nascht Michaela Trenz getrocknete Ananasstücke und lässt die vergangenen zwei Jahre Revue passieren. 2014 hat die überzeugte Veganerin hierzulande eine Marktlücke entdeckt und sich sofort ans Werk gemacht. „Hersteller von Naturkosmetik konnten mir als Konsumentin nie sagen, ob ihre Produkte völlig frei von tierischen Stoffen sind“, erinnert sich die 30-Jährige. Also hat Trenz über Inhaltsstoffe von Kosmetikprodukten zu recherchieren begonnen, um ihren Veganismus kompromisslos zu leben. Die Ergebnisse haben sie verblüfft. So fand sie etwa heraus, dass Cremen häufig tierisches Lanolin (Wollfett) aus bedenklichen Quellen aus Fernost enthalten. „Es gibt keine gesetzlich festgelegte Definition von Naturkosmetik, viele Produkte beinhalten sogar krebserregende Stoffe“, weiß Trenz. Daraufhin gründete sie Vegalinda, einen Online-Versandhandel für vegane Naturkosmetik. Ihr Alleinstellungsmerkmal sind die strengen Kriterien, wann Produkte in ihr Sortiment dürfen. „Ich gebe meinen Kunden die Sicherheit, dass alle Produkte vegan, tierversuchsfrei und frei von schädlichen Inhaltsstoffen sind“, erklärt Trenz. Bei Kosmetik keine leichte Aufgabe, denn für den derzeit boomenden chinesischen Markt sind Tierversuche verpflichtend. Kosmetik für die breite Masse wird weiter an Tieren getestet.
Trenz setzt bei kleinen Herstellern an, die keine Verflechtungen zu großen Konzernen haben. Potenziellen Lieferanten schickt sie Fragebögen, um ihnen zu Inhaltsstoffen und Rohstoffzulieferern ordentlich auf den Zahn zu fühlen. „Viele antworten gar nicht, manche nur knapp“, berichtet Trenz von ihren ersten Schritten als Unternehmerin. Allerdings hat sie mittlerweile ein Gespür entwickelt, wo ihre Anfrage auf Gegenliebe stoßen könnte und wer nichts zu verbergen hat.
Größtenteils bezieht sie von Herstellern aus Österreich und Deutschland. Die mühsame Recherchearbeit hat sich bezahlt gemacht. Heute hat Trenz rund 200 verschiedene Produkte von 30 Herstellern im Sortiment, vorwiegend Make-Up und Hautpflege.

Kompromisse müssen sein

Trenz würde gerne noch viel nachhaltiger agieren, doch in der Praxis muss sie manchmal beide Augen zudrücken. Ein Auge beim Thema Palmöl, ohne das so manches Produkt nicht auskommt. „Das Öl muss aus guter Quelle kommen, wo faire Arbeitsbedingungen herrschen“, setzt sie sich als Schmerzgrenze. Das zweite Auge drückt sie bei Verpackungsorgien aus Kunststoff zu. Umso mehr freut sie sich über Make-up im Kartondöschen.
Das frühe Stadium des Unternehmens und das noch kleine Versandvolumen gestalten den Einkauf schwierig. Mindestbestellmengen bei Lieferanten stehen mit der Nachfrage auf Kundenseite nicht im Einklang. Soll heißen: Lagernde Produkte verderben aufgrund ihrer kurzen Mindesthaltbarkeit und führen zu Umsatzeinbußen.

Der „Grüne Spinner“ vom Waldviertel

In größeren Dimensionen denkt Sonnentor-Chef Johannes Gutmann, der heute 250 Angestellte hat und Kräutermischungen, Tees und Kaffee vom Standort im Waldviertel bis nach Deutschland verkauft. Doch auch er hat klein angefangen, wie er sich erinnert: „Vor knapp 30 Jahren war ich in der Gegend als grüner Spinner verschrien“.
Damals war Bio noch etwas Exotisches und Gutmann hat beharrlich versucht, Kräuter-Bauern in der Umgebung zur Umstellung auf biologische Landwirtschaft zu überreden. Denn für seine Kräuterprodukte benötigte er Bio-Zutaten. Dabei biss er sich die Zähne aus und erntete schlussendlich noch Prügel. „Für jede Fehlernte, für die womöglich der Bauer selbst Schuld war, war ich der Sündenbock. Danach habe ich sofort aufgehört zu missionieren“, schildert Gutmann. Nach und nach sind bäuerliche Betriebe selbst auf den Bio-Zug aufgesprungen und das Geschäft hat angezogen. Auf Nicht-Bio-Kräuter zu setzen, war für Gutmann nie eine Option, auch wenn sie im Einkauf nur die Hälfte kosten.
Gutmann hat eine unkonventionelle Ansicht der Unternehmensführung. Er handelt nicht in erster Linie gewinnorientiert, sondern „Gemeinwohl-ökonomisch“. Was das bedeutet? „Wertschöpfung ist Wertschätzung gegenüber Mitarbeitern“, so seine plakative Antwort. Doch dahinter steckt bares Geld. Konkret sind es etwa 200.000 Euro, die sich Gutmann das Gemeinwohl jährlich kosten lässt. Davon fließt die Hälfte in die tägliche Verköstigung der Mitarbeiter in der betriebseigenen Kantine. Weitere 50.000 in den Gemeinwohlbericht. Der Rest wandert in sonstige Sozialleistungen für die Mitarbeiter.
Und wie kann sich ein Unternehmen das leisten? „Da an Sonnentor bis auf eine kleine Ausnahme niemand Beteiligungen hält, muss ich keine Renditen auszahlen“, so Gutmann. Er lässt den Gewinn im Betrieb, investiert wenig in Maschinen zur Automatisierung sondern lieber in mehr Mitarbeiter. „Durch die Gemeinwohl-Ökonomie mache ich langfristig mehr Gewinn, denn die Investitionen in Menschen bekomme ich in Zukunft zurück“, resümiert Gutmann. Ein erster Indikator ist die niedrige Mitarbeiterfluktuation. Sie beträgt knapp sieben Prozent, hingegen liegt der Österreich-Durchschnitt im Handel bei 13 Prozent. Auch der Verzicht auf Palmöl in Sonnentor-Produkten ist mit Mehrkosten verbunden. Sonnentor kauft palmölfreie Kekse zu und bezahlt dafür 30 Cent mehr pro Packung.

„Wir sehen die Produktion in Europa nicht als Nachteil, obwohl wir dadurch niedrigere Margen haben und weniger Gewinn machen.“
Bernadette Emsenhuber, Schuhhersteller Think

Sündteures Gütesiegel

Leder für die Schuhproduktion wird üblicherweise mit giftigen Chrom-Salzen gegerbt. Dass Rückstände für die menschliche Haut schädlich sind, liegt auf der Hand. Beim oberösterreichische Schuhhersteller Think läuft der Hase anders. Denn dort versteht man unter „gesunden Schuhen“, möglichst schadstoffarme Materialien bei der Produktion einzusetzen. In der Praxis bedeutet das: Pflanzliche Mittel ersetzen die giftige Chrom-Salze im Gerbungsprozess. Allerdings funktioniert das nicht bei allen Ledertypen, so beschränkt man sich vorwiegend auf das Innenleder, das direkt mit der Haut in Berührung kommt.
Ausnahme und gleichzeitig Aushängeschild der Firma Think ist das Schuhmodell „Chilli-Schnürer“, das komplett aus chromfrei gegerbtem Leder gefertigt ist. Dafür beantragte man das Österreichische Umweltzeichen und bekam es als erster Schuhhersteller. Doch bis dorthin war es ein Spießrutenlauf. Aufgrund der strengen Prüfung durch das Umweltministerium musste man immer wieder nachjustieren, um das letzte Quäntchen Schadstoff aus den Materialien zu boxen. „So war etwa der Schadstoffgehalt beim Test durch Verbrennen der Sohle zu hoch“, veranschaulicht es Bernadette Emsenhuber, Leiterin E-Commerce und Nachhaltigkeit bei Think.
Mittlerweile hat das Unternehmen für fünf weitere Modelle das Umweltzeichen bekommen, was ebenfalls erheblichem Aufwand verbunden war. „Pro Modell hat es ein halbes Jahr gedauert“, erinnert sich Emsenhuber. Wirtschaftlichkeit sieht anders aus, denn der Zertifizierungsprozess samt Personalaufwand und Testverfahren schlägt sich mit rund 10.000 Euro pro Modell zu Buche. Da die Tests so lange dauern, ist der Schuh inzwischen nicht mehr in der regulären Kollektion, sondern Think produziert in Kleinmengen nach. Ein Mehraufwand zu Gunsten der Gesundheit und der Umwelt. Die Tatsache, dass Think ausschließlich in Europa produziert, kostet Geld. Bei einem in Asien gefertigten Sportschuh machen die Lohnkosten zirka zwölf Prozent der Herstellungskosten aus, bei Think liegen sie bei 40 Prozent. „Wir sehen die Produktion in Europa aber nicht als Nachteil, obwohl wir dadurch niedrigere Margen haben und weniger Gewinn machen“, sagt Emsenhuber. Es überwiegen die Vorteile durch unkomplizierte Nachproduktion in Kleinmengen und kurze Transportwege.

Erntehemmung durch Bio

Die unmittelbare Nähe zum Nationalpark Neusiedlersee-Seewinkel war für die Esterhazy-Betriebe der Grund, 2002 auf Bio-Landwirtschaft umzusteigen und damit sensible Gebiete zu schonen. Man verbannte Unkrautvernichtungsmittel und chemische Dünger von den 1.600 Hektar selbst bewirtschafteter Fläche. Ein Sprung ins kalte Wasser, denn die bisher florierende Landwirtschaft stand vor neuen Herausforderungen. Statt chemischer Spritzmittel setzt der Landwirtschaftsbetrieb nun auf Fruchtfolge. Verschiedene Kulturen, etwa Weizen, Sonnenblumen und Mais wechseln regelmäßig die Felder, damit der Boden nicht ausgelaugt wird. Allerdings gibt es je sieben Jahre zwei Stehjahre, an denen Pflanzen zur Düngung angebaut werden und es keinen Ertrag gibt. „Im Gegensatz zur konventionellen Landwirtschaft haben wir bis zu drei Viertel weniger Ertrag“, so Matthias Grün, Geschäftsführer der Esterhazy-Betriebe. Am Beispiel von Winterweizen sind das drei Tonnen Ertrag pro Hektar im Bio-Modus, versus sechs bis elf Tonnen unter Einsatz von Chemie. Grün krempelte daher den Betrieb kräftig um. Statt nur Getreide und Kürbisse zu verkaufen, vertreibt Esterhazy jetzt Brot und Kernöl. Die Veredelung steigert die Wertschöpfung und kompensiert geringere Ernteerträge.
Weniger Kopfweh bereitet der Verzicht auf Spritzmittel. „Unkraut entfernen wir mechanisch durch Bodenbearbeitung“, erklärt Grün. Das führe zwar zur mehr Personalkosten, aber im Vergleich zu den teuren Unkrautvernichtungsmitteln kommt es unterm Strich auf das selbe. Doch hängt über jedem Feld ein Damokles-Schwert. „Befallen Schädlinge eine Kultur, können wir nur zuschauen und auf ein Wunder hoffen“, seufzt Grün. Esterhazy hat sich nämlich selbst auferlegt, keinerlei Spritzmittel – auch keine für die Bio-Landwirtschaft anerkannten – einzusetzen. Ausnahme ist der Weinbau, „dort geht’s auf großen Flächen nicht ohne.“
Ob Bio-Kräuter, vegane Kosmetik oder eine Landwirtschaft ohne Chemie, die Akteure haben stets eine Doppelbelastung zu tragen. Einerseits müssen sie die Rentabilität eines Betriebs aufrechterhalten, andererseits handeln sie zum Wohle der Gesellschaft und der Umwelt.

Foto/Video: Shutterstock

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